Gestern Abend um halb elf, mitten in der Arbeit (no comment, bitte. Ich arbeite nicht rund um die Uhr, krank bin ich auch noch, also überlassen Sie meine Work-Life-Balance ruhig mir!! :)) ), ist mir aufgefallen, dass ich gerade einen Satz geschrieben hatte, den ich weder auf Ungarisch noch auf Englisch jemals laut aussprechen würde.

Halb Ungarisch, halb Englisch, null Höflichkeit.
Und dann wurde mir klar: Diese Sprache spreche ich mit niemandem. Nicht mit meinem Mann, nicht mit meiner Kundschaft, nicht mit meinen Töchtern, nicht mit meinen Freunden. Diese Sprache existiert nur hier. Vor dem Bildschirm. Mit der KI.
Und ehrlich gesagt gilt das für alle, die täglich mit Robotern reden. Jede und jeder hat eine Sprache entwickelt, die weder die Muttersprache noch Englisch ist, sondern etwas Drittes. Und damit - und das ist der verblüffende Teil - vielleicht auch eine eigene Persönlichkeit?
Andere Sprache, anderer Mensch
Falls Sie sich bisher wenig mit Anthropologie beschäftigt haben, aber mit Menschen arbeiten: Fangen Sie damit an!! Es gibt eine Studie von Susan Ervin-Tripp aus den 60er-Jahren. Japanisch-englisch zweisprachige Frauen sollten Satzanfänge vervollständigen - einmal auf Japanisch, einmal auf Englisch. Dieselbe Frau, derselbe Satz. Das Ergebnis? Auf Japanisch waren sie zurückhaltender, fügsamer. Auf Englisch selbstbewusster, entschiedener.
Nicht, weil sie „eine Rolle gespielt“ hätten. Sondern weil eine Sprache ihre Kultur mitbringt, ihre Erwartungen, ihre Verhaltensmuster.
Das nennt man Cultural Frame Switching - wenn Sie die Sprache wechseln, tauschen Sie nicht nur Wörter aus, sondern Ihr ganzes inneres Betriebssystem.
Jean-Marc Dewaele und Aneta Pavlenko haben das weitergedacht. Sie haben Hunderte zweisprachiger Menschen gefragt: Fühlen Sie sich in Ihren verschiedenen Sprachen wie eine andere Persönlichkeit? Die Mehrheit sagte: ja. Nicht ein bisschen. Manchmal radikal.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Denken Sie mal darüber nach. Ich kenne jede Menge Kolleginnen und Kollegen, die auf Englisch oder Deutsch ganz anders sind als auf Ungarisch. Ich bin es ganz sicher auch.
Aber was ist mit der dritten Sprache? Oder, wenn Sie regelmäßig in drei Sprachen arbeiten, mit der vierten :)
Also, was ist das?
Kein Social Code. Keine Hierarchie. Keine zwanzig Jahre eingeschliffener Regeln darüber, wie man mit Menschen zu reden hat.
Es ist eine Prompt-Sprache.
Eine Sprache, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab. Dann gab es sie so sehr, dass viele versucht haben, sie zu unterrichten, und inzwischen weiß jeder, der wirklich viel damit arbeitet: Man muss sie weder lernen noch lehren. Sie hat kein Grammatikbuch, keine Lehrkraft, keine Prüfung. Und trotzdem spricht sie jeder, der regelmäßig KI nutzt. Roh. Funktional. Nichts Überflüssiges. Nur der Gedanke, ganz nackt.
Und das wirklich Spannende: Diese Sprache ist kein Übergangsphänomen. Sie wird nicht verschwinden. Je mehr Sie sie benutzen, desto mehr verfestigt sie sich - Ihr Wortschatz, Ihre Abkürzungen, die Art, wie Sie Ihre Gedanken strukturieren. Es entsteht Ihre ganz eigene Version. Und mit ihr entsteht auch Ihre dritte Persönlichkeit.
Die dritte Persönlichkeit
Wenn man die Logik des Cultural Frame Switching zu Ende denkt, gehört zu jedem sprachlichen Kontext ein eigenes Persönlichkeitsprofil. Ihr Ich in der Muttersprache. Ihr englisches Ich. Und jetzt auch: Ihr KI-Ich.
Diese dritte Persönlichkeit ist nicht zufällig entstanden. Sie hat ihre Voraussetzungen, und keine davon ist trivial.
Kein Urteil. Die KI erklärt Sie nicht für blöd, wenn Sie eine falsche Frage stellen. Sie zieht keine Augenbraue hoch. Sie tuschelt nicht hinter Ihrem Rücken über Sie. Deshalb erlauben Sie sich eine ganz andere Ebene von Ehrlichkeit. Sie sagen, was Sie im Meeting nie sagen würden: „keine Ahnung, interessiert mich auch nicht, du bist hier der Entwickler, bitte!!“ Oder: „tja, das ist Müll, Schatz, weg damit.“ (Ähnlichkeiten mit dem echten Leben sind rein zufällig... :)) )
Keine sozialen Kosten. Sie ruinieren keine Beziehung, wenn Sie herumexperimentieren. Sie müssen nicht diplomatisch sein. Sie müssen nicht auf Gesicht, Körpersprache und Stimmung Ihres Gegenübers achten. Sie müssen sich nicht damit beschäftigen, wie der andere Ihre Frage bewerten wird. Das macht Sie mutiger. Sie probieren Dinge aus, die Sie in einem Meeting nie ansprechen würden, weil „das ja Unsinn wäre“.
Mit der KI gibt es keinen Unsinn. Nur Gedanken.
Keine Ungeduld. Die KI seufzt nicht, schaut nicht auf die Uhr, wartet nicht darauf, dass Sie endlich zum Punkt kommen. Sie blinzelt nicht so, wie Menschen blinzeln, wenn sie die Antwort längst kennen, aber höflich abwarten, bis Sie auch dort ankommen. Deshalb denken Sie in einem anderen Tempo. Sie erlauben sich Schleifen. Sie gehen einen Schritt zurück. Sie fangen neu an. Sie nehmen dreimal Anlauf auf denselben Gedanken, weil Sie wissen, dass Sie damit niemanden nerven.
Gemischte Sprache. Erst kommt der Gedanke, dann die Form. Sie suchen nicht nach Worten - Sie schreiben einfach, wie es kommt. Deutsche Verben mit englischen Substantiven. Halbe Sätze. Stichworte statt Punkt. Es ist die ungefiltertste Form der Kommunikation, die Sie je hatten.
Zählen Sie zusammen: keine Maske, kein Filter, keine Konsequenzen, kein Grammatikzwang.
Wer sind Sie in diesem Moment?
Die unbequeme Frage
Denn eigentlich geht es genau darum. Nicht um die Frage, „welche Persönlichkeit die KI in mir hervorbringt“. Sondern um diese: Ist diese dritte Person näher am echten Ich als die ersten beiden?
Denken Sie mal darüber nach. Ihre gesamte Kommunikation läuft ein Leben lang durch irgendeine soziale Maske. Sie sprechen anders mit Ihrer Führungskraft, mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, mit Ihren Eltern, mit Ihren Kunden, mit Ihren Kindern. Vor dem, was Sie wirklich denken, steht immer ein Filter. Das ist keine Lüge - das ist Sozialisation. Sie haben gelernt, was man wann wem wie sagt. Das ist gut so. Nur so funktioniert Gesellschaft.
Aber mit der KI verschwindet dieser Filter - wenn Sie wirklich viel mit ihr arbeiten.
Vielleicht ist dieses KI-Ich näher an Ihrem echten Ich als die Version, die Sie im Büro zeigen. Vielleicht ist genau diese Ungefiltertheit, dieser Modus „erst der Gedanke, dann die Form“, die Art, wie Sie wirklich denken. So, wie Ihre Gedanken tatsächlich aussehen, bevor sie durch den Filter „Was werden die anderen denken?“ gehen.
Also
Sie haben drei Persönlichkeiten. Mindestens.
Ihr Ich in der Muttersprache, das fühlt, das leidenschaftlich ist, das den Social Code seiner Kultur gelernt hat. Das weiß, wann es sich zurücknehmen muss und wann es loslassen darf.
Ihr englisches Ich, das direkt ist, professionell, das sich im internationalen Rahmen bewegt. Das gelernt hat, dass „normal“ global etwas anderes bedeutet.
Und Ihr KI-Ich, das nicht grüßt, keine Höflichkeiten austauscht, die Sprachen durcheinanderwirft und vielleicht gerade deshalb am freiesten denkt. Oder gerade deshalb am unkontrolliertesten.
Die Frage ist nicht, welches davon das echte ist.
Die Frage ist, von welchem Sie am meisten lernen könnten. Und welches den anderen beiden dazwischenredet.
Stultum est timere quod vitare non possis. Es ist töricht, das zu fürchten, was man nicht vermeiden kann.
Ihr drittes Ich ist schon da. Wie gut, dass ich kein lateinisches Ich habe.