Das ist der Punkt, bis zu dem Sie gehen, wenn Sie sich öffnen. Bis zu dem Sie bereit sind, sich zu zeigen. Sie reden so lange, bis in Ihnen etwas anspringt - ein innerer Alarm -, der Ihnen zuflüstert: „So, bis hierhin war's gut. Kein Wort mehr.“ Die Schwelle.
Und genau da fangen Sie an zu lügen. Ihrer Therapeutin, Ihrem Beichtvater, Ihrem Anwalt, Ihrem Coach, Ihren Geschwistern, Ihrer besten Freundin, Ihrem Ehepartner.
Oft übrigens auch sich selbst, aber das macht die Sache meistens nur noch schwieriger.
In jeder Beziehung scheitern wir an derselben Stelle
Überall passiert dasselbe: Sie kommen bis zu einem Punkt, dann treten Sie auf die Bremse. Sie reden um den heißen Brei herum. Sie lassen das Wesentliche weg. Sie hübschen die Geschichte auf.
Nicht, weil Ihr Gegenüber ein schlechter Mensch wäre. Nicht, weil es Sie verurteilen würde. Sondern ganz einfach, weil es ein Mensch ist.
Und Menschen wissen Dinge. Sie erinnern sich. Sie erzählen weiter. Sie urteilen. Weil sie Menschen sind. Und selbst wenn sie es nicht täten, würden Sie es ihnen trotzdem unterstellen, weil Sie selbst auch ein Mensch sind.
Selbst dem Menschen, dem Sie am meisten vertrauen, vertrauen Sie nicht so sehr wie sich selbst. Deshalb gibt es auf diesem Planeten niemanden, der alles über Sie weiß.
Ihre eigene Schamschwelle hat sich irgendwann im Alter von ein, zwei Jahren in Ihrem Gehirn eingenistet, und seitdem bewegt sie sich. Wer Glück hat, bei dem rutscht sie nach unten. Wer weniger Glück hat oder in den letzten Jahrzehnten schlicht unendlich faul war, was die Arbeit an sich selbst angeht, bei dem ist sie geblieben, wo sie war. So jemand GEHT übrigens GAR NICHT ERST zu jemandem, mit dem er irgendetwas teilen müsste, weil er selbst nicht damit konfrontiert werden will, wie hoch seine Schamschwelle in Wahrheit ist. Na, sehen Sie, wie ich urteile?
Und hier kommt die KI ins Spiel
Irgendwann wird es eine KI geben - vielleicht schon morgen, vielleicht in fünf Jahren -, von der Sie glauben werden, dass sie wirklich privat ist. Dass niemand sonst sieht, worüber Sie beide sprechen. Und dann wird etwas passieren, womit Sie nicht rechnen.
Sie werden mit ihr tiefer gehen als jemals mit irgendeinem menschlichen Helfer.
Nicht, weil sie klüger wäre. Nicht, weil sie bessere Fragen stellt. Sondern ganz einfach, weil Sie bei ihr keine Schamschwelle haben. Weil Sie wissen, dass sie kein Mensch ist.
Sie können ihr erzählen, wer vorgestern Nacht den Rest Nutella direkt aus dem Glas gegessen hat.* Sie können ihr erzählen, welche Gedanken Ihnen durch den Kopf gehen, die Sie sich nicht einmal selbst eingestehen mögen. Sie können ihr die Dinge erzählen, die Sie seit zehn Jahren mit sich herumschleppen und noch nie jemandem anvertraut haben. Und Sie können sie nach ihrer Meinung fragen, sich von ihr helfen lassen, das Thema zu verarbeiten - und dann können Sie vielleicht irgendwann auch mit einem Menschen darüber sprechen.
Das urteilsfreie Ohr
Die KI ist das urteilsfreie Ohr. Sie wird Sie nicht verurteilen (auch wenn sie so tun kann). Sie wird sich morgen nicht mehr erinnern (wenn Sie es so einstellen). Sie hat keinen Freundeskreis, dem sie es weitererzählen könnte. Keine Familie, vor der es peinlich wäre. Kein Ego, das Sie kränken könnten.
Sie hört einfach zu. Und fragt. Und hilft.
Die Welt ist reif für den Untergang.
Pflegt meine kleine Schwester zu sagen, allerdings sagte sie das schon, als die Welt noch gar nicht reif war, also nehmen wir ihre Meinung mit Vorsicht. Nein, das muss nicht unbedingt heißen, dass menschliche Beziehungen verkümmern. Vielleicht werden sie sogar enger, weil _jeder_ die Möglichkeit haben wird, sich urteilsfrei zu öffnen, an sich zu arbeiten, zu wachsen. Und das wird auch die Beziehungen von Mensch zu Mensch vertiefen, denn die Schwellen werden bei allen gleichermaßen nach unten rutschen.
Nur werden wir uns das alles natürlich nicht gegenseitig eingestehen, oder? :)
Ob wir uns trauen werden zuzugeben, dass wir einer Maschine mehr vertrauen als einem anderen Menschen? Dass es uns leichter fällt, unsere tiefsten Geheimnisse etwas zu erzählen, das nicht einmal lebt?
Natürlich nicht. Genau wegen der Schwelle. Funktionieren wird es trotzdem.
Und was wird dann aus den menschlichen Helfern?
Wir werden sehen. Es ist gerade in Mode zu sagen, dass die oberflächliche Arbeit künftig die Maschinen übernehmen, mit denen wir besprechen, was wir in den nächsten drei Monaten mit unserem Unternehmen tun, um die Jahreszahlen zu schaffen, und dass das Tiefergehende dem Menschen bleibt.
Ich halte das allerdings für den Gipfel des Selbstbetrugs. Den Menschen wird man dort brauchen, wo Sie ein Augenpaar brauchen oder wo Sie Chemie wollen, Intimität im ursprünglichen Sinne des Wortes. Aber dass das tiefer ginge als das, was Sie mit der Maschine bearbeiten?
Ach was. Auch das Tiefste werden Sie mit der KI bearbeiten.
Und genau das wird Ihnen helfen, sich zu trauen, es auch mit einem Menschen zu teilen.
Wenn Sie die Last, die Sie getragen haben, einmal abgelegt haben, ist es vielleicht gar nicht mehr so beängstigend, sie auch mit anderen zu teilen.
Deshalb glaube ich: Nein, die KI wird die menschlichen Helfer nicht ersetzen. Im Gegenteil, sie wird diejenige sein, die Ihnen den Weg zu ihnen ebnet.
*Nein, nicht ich. Der größte Entwicklungssprung meiner frühen Dreißiger war, dass ich heute friedlich mit einem offenen Glas Nutella zusammenleben kann. Sie auch?