Also zurück auf Anfang: Was ist Stress eigentlich?
„die unspezifische Reaktion des Organismus auf jede Anforderung“. (Selye, 1976)
Sie ahnen, worauf ich hinauswill. Die Reaktion Ihres Organismus nennen wir Stress. Wenn ich es ganz zugespitzt formulieren will - und warum sollte ich nicht, ist ja unser Blog :) - dann gilt: Reagieren Sie schlecht auf eine Stresssituation, sind Sie gestresst; reagieren Sie gut, sind Sie es nicht.
Natürlich gibt es Faktoren, die wir nur wenig oder, Gott bewahre :(, gar nicht ändern können. Familiäres Umfeld, Arbeitsplatz, ein unfassbar böser Chef usw. Die können selbst dem härtesten Stressprofi einen dicken Strich durch die Rechnung machen. ABER auch da muss man die Frage so verstehen: Wahrgenommener Stress läuft immer durch Ihren eigenen Filter. Deshalb scheitern auch so viele Stressstudien, denn Ihre Deutung einer Situation weicht natürlich von der Ihres Sitznachbarn ab. Mal um 1 %, mal um 100 %, aber meistens können Sie daran viel leichter etwas ändern, als Sie denken.
Wer mich persönlich kennt, Gott bewahre sogar mein Vater, sagt jetzt natürlich schon: Na, du hast leicht reden, Mensch, bei euch sieht man ja höchstens einmal im Jahr eine Augenbraue hochgehen.
Das stimmt übrigens: Mein Stresslevel liegt bei 25/100, seit ich es vor 4 Jahren zu messen begonnen habe. Laut Garmin schlafe ich praktisch. Aber das war schon immer so, egal in welcher Position, und darunter waren durchaus Jobs, die man als ausgesprochen stressig abstempeln könnte (nachts unter Zeitdruck Daten abtippen, zum Beispiel am Flughafen, bei einer Kälte, dass wir manchmal Handschuhe angezogen und die Fingerkuppen abgeschnitten haben - neben einem Job am Vormittag UND einem Vollzeitstudium. Ich würde ausrasten, wenn eine meiner Töchter mit so einem Schwachsinn ankäme :)) ). Mir hat auch das gutgetan. Ehrlich, ich habe es geliebt. So wie ich heute in einer durchschnittlichen Arbeitswoche 2-3-mal auf der Bühne stehe, oft vor mehreren hundert Menschen, oft nicht in meiner Muttersprache. Den Rest der Zeit verhandle ich. Und ich bin nicht gestresst.
Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass die Genetik bei der Resilienz irgendwo zwischen 30 und 50 % ausmacht - man misst mal das eine, mal das andere, höhere Werte aber nur in verschwindend geringer Zahl. Sie können also mit miserablen Genen „von Haus aus ein Nervenbündel“ sein (was für ein großartiges Wort übrigens :) ), für den Großteil Ihres Stressmanagements sind trotzdem SIE verantwortlich.
Was wir aber nach heutigem Stand der Wissenschaft über Stressbewältigung wissen, liegt komplett in Ihrer eigenen Hand. Mit der Organisation, in der Sie arbeiten, hat das nichts zu tun.
Sie sind gestresst, weil Sie:
- sich nicht bewegen.
- nicht genug in der Natur sind.
- nicht genug schlafen.
- zu viel trinken.
- sich schlecht ernähren.
- nicht Nein sagen können - oder wollen.
- im Dauer-Antwortmodus leben.
- nichts für Ihre sozialen Kontakte tun.
- Stress vermeiden.
Wie bitte? Punkt 9 ist jetzt aber wirklich zum Haareraufen. Ich weiß. Aber er stimmt trotzdem. Stressbewältigung braucht nämlich Übung. Wenn Sie sich vor jeder Stresssituation fürchten, problematische Situationen meiden und vor allem davonlaufen, wo Sie sich auf die Probe stellen könnten, erreichen Sie genau das Gleiche, als würden Sie ohne regelmäßiges Hanteltraining versuchen, 100 Kilo zu stemmen.
Sie brechen zusammen.
Toxische Arbeitsplätze gibt es übrigens auch nicht. Toxische Menschen, die gibt es. Also auch toxische Führungskräfte. Und unter denen kann man durchaus feststecken, und dann helfen auch keine 9 Punkte, bis Sie es schaffen, sich in Sicherheit zu bringen.
Aber dass ein Arbeitsplatz stressig ist, das ist logisch unmöglich. Fangen Sie mit der Verantwortung also so an, dass Sie sagen:
„ICH bin in meiner neuen Position gestresst.“
Denn von hier aus kann man die Stressbewältigung angehen. Wie viel das bei Ihnen bringt, wissen wir nicht. Aber im Passiv wissen wir es eben auch nicht.
Sondern so, dass Sie von hier aus Ihre Stressbewältigung angehen: Schauen Sie, was in Ihrem Einflussbereich liegt, und gehen Sie die Liste durch - welchen Punkt können Sie angehen? Heute.
Also, suchen Sie sich einen Punkt aus.