Wenn Sie sich mit Verhaltenswissenschaft beschäftigen, und/oder jemals auch nur eine Frauenzeitschrift aufgeschlagen haben:)) wissen Sie, dass in den letzten achtzig Jahren eine irrsinnige Menge an Motivationsmodellen, Studien und Theorien das Licht der Welt erblickt hat. Vor allem, weil es verdammt schwer zu entschlüsseln ist, warum der eine „motiviert“ ist und der andere nicht. Noch schwerer wird es allerdings sein, zu akzeptieren, dass Sie als Führungskraft damit deutlich weniger zu tun haben, als Sie je geglaubt oder gelernt haben.
Die Meinungen gehen schon darüber auseinander, was wir überhaupt Motivation nennen. Wenn Sie Wikipedia, Google oder OpenAI fragen, lautet die Antwort: eine Art inneres Anreizsystem, das Verhalten, Denken und Gefühle eines Menschen beeinflusst.
Fragen Sie dagegen einen Hirnforscher, wird er Ihnen sagen: Die momentane Motivation ist der momentane Dopaminspiegel im Gehirn, und die Motivation eines Menschen ist das Dopamin-Grundniveau, auf dem das Gehirn dieses Menschen arbeitet.
Wenn Sie Pech haben, spinnt er den Gedanken dann noch tagelang weiter, mit Neurotransmittern, neuronalen Bahnen und allem, was dazugehört. Leider gibt es auf Ungarisch so gut wie kein Material zu dem Thema, also erwarten Sie nicht, dass ich das alles zu übersetzen versuche. Was ich aber sehr wohl tue: Ich empfehle Ihnen, falls Sie es bisher nicht getan haben, jetzt endlich damit anzufangen, sich von den Artikeln der Leadership-Coaches zu lösen (gut, eine Ausnahme dürfen Sie natürlich machen :) ), und sich stattdessen mit der Arbeit von Neurowissenschaftlern und Biologen zu beschäftigen (Huberman, Attia, Galpin, Sinclair, Toleikyte usw.). Denn die Art, wie Ihr Gehirn funktioniert, ist nun mal gegeben. Dass Sie selbst etwas für sich tun können, ebenfalls. Aber dass Sie die Gehirnfunktion eines Peers, Ihres Chefs oder Ihrer Kollegin dauerhaft beeinflussen könnten - so etwas gibt es nicht.
Jemanden dauerhaft zu motivieren, ist unmöglich. Inspirieren können Sie übrigens schon, ich behaupte also nicht, dass Sie keinen Einfluss auf das Leben der anderen haben, natürlich haben Sie den. Ich behaupte aber sehr wohl, dass Sie nur für den Moment motivieren können, nicht langfristig.
Denn laut den klugen Köpfen ist das Dopamin-Grundniveau in Ihrem Gehirn gegeben. Wenn Sie ein Hoch erleben, weil Ihr Motivationsniveau durch einen äußeren oder inneren Reiz nach oben schnellt, und Sie merken, dass auch Ihre Leistung nach oben schnellt, Sie „laufen wie eine Maschine“, sind körperlich wie geistig einfach so zu brutalen Kraftakten fähig - dann hat das seinen Preis, und zwar immer. Denn nach dem Peak fällt der Dopaminspiegel genauso tief. Und kehrt danach zur Baseline zurück.
Dieses Grundniveau ist übrigens nicht das ganze Leben lang gleich, bei niemandem. Aber worauf es sich verändert, darauf haben außer Ihnen selbst nicht viele Menschen Einfluss, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Denn regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung, natürliches Tageslicht, besonders in der ersten Stunde nach dem Aufstehen, die Schlafqualität und weiß der Himmel was noch - all das beeinflusst es.
Wenn Sie darüber elegant hinweggehen und trotzdem Ihre eigene Verantwortung dafür suchen, wie Sie Ihr Teammitglied, Ihren Peer oder wen auch immer dauerhaft „motivieren“ könnten, dann finden Sie nur sehr, sehr schwache Zusammenhänge. Klar: Wenn Sie ein grauenhafter Chef sind, der seinen Mitarbeiter ohne jede Rücksicht auf dessen Zustand Tag für Tag so weit treibt, dass er auch nachts noch über seiner Arbeit grübelt, dann leidet seine Schlafqualität. Was sich langfristig auf seinen Dopaminspiegel auswirkt, ja. Sie wissen aber genauso gut wie ich, dass es so etwas wie einen „grauenhaften Chef“ gar nicht gibt, denn entscheidend ist nicht, was Sie tun, sondern was er dabei empfindet. Seine Wahrnehmung ist Ihre Führung. Wenn ihm Ihr Verhalten - oder zum Beispiel das Verhalten von jemandem, der in der Hierarchie über ihm steht - so viel Stress macht, dass er deswegen nachts nicht schläft, dann wird er auch langfristig weniger motiviert sein.
Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass dieser Zusammenhang deutlich schwächer ist, als man früher dachte. Denn die meisten verhaltenswissenschaftlichen Experimente, auf denen die berühmten Motivationstheorien aufbauen, waren immer kurz- oder mittelfristig angelegt. Und dass man bei jemandem kurzfristig von außen einen Dopamin-Peak auslösen kann, stimmt natürlich. Nur kümmern sich deutlich weniger Leute darum, was nötig ist, um genau dieses Dopamin-Grundniveau langfristig anzuheben. Oder ob das überhaupt geht. Denn wenn Sie einen Mitarbeiter haben, dessen häusliches Umfeld aus welchem Grund auch immer, aber für ihn stressig ist, der keinen Sport treibt, sich schlecht ernährt, nur alle Schaltjahre mal ans Tageslicht kommt (und das ist bei uns in Ungarn keine seltene Kombi, schauen Sie sich zum Beispiel nur mal in Ihrem engsten Freundeskreis um), und dessen Dopamin-Grundniveau auch noch genetisch niedrig ist, dann werden Sie das als Führungskraft nicht ändern können, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen. Es ist übrigens auch gar nicht Ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, zu versuchen, ihn auf seinem persönlichen Maximum zu halten. Aber auch das gelingt Ihnen nur für eine Weile, siehe oben.
Was dagegen wirklich Ihre Aufgabe ist: sich um Ihr eigenes Dopamin-Grundniveau zu kümmern. Und zwar an jedem einzelnen Tag. Und selbst dabei bleibt ein ordentlicher Faktor, die Genetik, den auch Sie an sich selbst nicht ändern können.
Der Rest aber liegt einzig und allein in Ihrer eigenen Verantwortung, in niemandes sonst.
Ob Sie darüber nachdenken, was Sie mit Ihrem Körper machen.
Ob Sie darüber nachdenken, was Sie mit Ihrem Gehirn machen, woran Sie denken, wie lange Sie sich an einer Frage festbeißen oder eben nicht.
Ob Sie nach Ausreden suchen, warum Sie nicht an der frischen Luft sind, warum Sie nicht genug schlafen.
Ob Sie einkalkulieren, wie sich das, was Sie abends um sieben trinken, auf Ihren Nachtschlaf auswirkt und was das dann mit Ihrem Dopaminspiegel von morgen macht.
Ich könnte ewig so weitermachen, aber ich glaube, Sie verstehen auch so, was ich meine.
Solange Sie über Ihre eigenen Handlungen oder Gedanken im Passiv sprechen, ertappen Sie sich erst einmal selbst dabei, was Sie da tun. Und wenn das geschafft ist und Sie schon alles in Ihrer Macht Stehende tun, um die Menschen um sich herum wirklich zu inspirieren, dann dürfen Sie sich zurücklehnen. Denn hier endet Ihre Verantwortung.
Am Motivationsniveau der Person neben Ihnen arbeitet dann sie selbst.
Denn sonst kann es niemand.