Heute kam wieder so eine Meldung: Der Instagram-Chef beordert seine Leute an fünf Tagen pro Woche zurück ins Büro. Ist ja seine Sache, ja. Was aber an allen Ecken und Enden hinkt, ist die Begründung: Sie sollen kreativer werden. Na, das hätte er sich sparen können.

Bei Ihnen hieß es auch, dass man deshalb ins Büro kommen muss? Dann leiten Sie das hier ruhig weiter, denn deshalb muss man nicht:) Es schadet nicht, wenn man sich sieht, Social Bonding und so weiter, man kann sich also auf jede Menge Dinge berufen, die ausnahmsweise sogar stimmen. 

Dass die Gruppe kreativer sei als der Einzelne, das aber nicht. 

Was ist Kreativität überhaupt?

Bevor ich die Illusion vom Gruppen-Brainstorming zerlege (ich könnte übrigens schwören, dass ich sie schon einmal zerlegt habe, aber vielleicht nicht hier, sondern vor langer Zeit in einem LinkedIn-Newsletter?), klären wir erst einmal, wovon wir überhaupt reden.

Arthur Koestler, einer der Pioniere der Kreativitätsforschung, prägte 1964 den Begriff der „Bisoziation“ (bisociation). Im Kern geht es um Folgendes: Kreativität entsteht, wenn Sie zwei bisher nicht miteinander verbundene gedankliche Matrizen gleichzeitig wahrnehmen und aus ihrer Verschmelzung etwas völlig Neues erschaffen.

Nicht kompliziert. Sie nehmen die Badewanne (die Archimedes-Geschichte, Sie wissen schon) und das Problem mit dem Gewicht der Krone - zwei getrennte gedankliche Welten. Und plötzlich: BUMM. Jeder in Wasser getauchte Körper verliert scheinbar an Gewicht... :) 

Kreativität ist also nichts anderes, als zwei vorhandene Dinge so zusammenzufügen, wie es noch niemand je getan hat.

Und damit sind wir schon beim Kern:

Warum geht das in einem einzelnen Kopf schneller?

Stellen Sie sich Ihr Gehirn als gigantisches Assoziationsnetzwerk vor. Jeder Gedanke, jede Erfahrung, jede Erinnerung ist ein Knoten, und diese Knoten sind miteinander verbunden. Wenn Sie allein nachdenken, kann sich dieses Netzwerk frei aktivieren. Ein Gedanke springt auf den nächsten über, der hüpft zu einem dritten - in Millisekunden.

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie versuchen das in einem Meeting mit acht Leuten.

  • Bis Sie Ihren Gedanken ausgesprochen haben, hat Sie schon jemand unterbrochen
  • Bis Sie wieder darauf zurückkommen, haben Sie vergessen, worauf Sie hinauswollten
  • Und währenddessen achten Sie ständig darauf, was die anderen von Ihnen denken

Für den kreativen Sprung - mit Koestlers Worten den „bisoziativen Schock“ - muss Ihr Geist frei umherschweifen können, zwischen den verschiedenen gedanklichen Matrizen. Dafür braucht es aber Stille. Freie Assoziation. Kein „Peter, was meinst du?“

Ein Gehirn kann zwei weit voneinander entfernte Gedanken unendlich viel schneller verknüpfen als acht Gehirne, die aufeinander warten.

Nicht, weil es klüger ist. Sondern weil es keinen Stau gibt.

1958, Yale University: Der Tod des Brainstorming-Mythos

Die Forscher Donald Taylor, Paul Berry und Clifford Block führten 1958 ein Experiment durch, das bis heute die Grundlage der Argumente gegen Brainstorming bildet.

12 Vierergruppen und 48 allein arbeitende Personen bekamen dieselben Aufgaben. Die Ideen der Einzelpersonen wurden im Nachhinein zu sogenannten „nominalen Gruppen“ zusammengefasst - also so gebündelt, als hätten sie zusammengearbeitet.

Das Ergebnis?

Die echten Gruppen schnitten deutlich schlechter ab:

  • Sie produzierten weniger Ideen
  • Sie hatten weniger originelle Ideen
  • Auch bei den Qualitätskennzahlen lagen sie zurück

1958. Seitdem sind mehr als 60 Jahre vergangen. Und wissen Sie, was passiert ist? Jede einzelne Wiederholungsstudie hat dasselbe gezeigt.

Die Metaanalyse von Mullen, Johnson und Salas aus dem Jahr 1991 untersuchte 20 Brainstorming-Studien und kam zu dem Schluss, dass nominale Gruppen nicht nur mehr Ideen hervorbringen, sondern auch mehr hochwertige Ideen - konsequent, in jedem einzelnen Fall.

Keith Sawyer, Psychologe an der Washington University, fasste Jahrzehnte der Forschung so zusammen: „Brainstorming-Gruppen produzieren durchweg weniger Ideen als die gleiche Anzahl von Menschen, die allein arbeiten und ihre Ideen anschließend zusammentragen.“

Der Unterschied ist dramatisch: In manchen Studien produzierten die Einzelpersonen doppelt so viele Ideen wie die Gruppen.

Doppelt so viele. Nicht 10 % mehr. Doppelt so viele.

3 Gründe, warum Kreativität in der Gruppe nicht funktioniert

Die 1987 im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie von Diehl und Stroebe untersuchte in vier Experimenten, warum Brainstorming-Gruppen so schlecht abschneiden. Sie identifizierten drei Hauptgründe:

1. Production Blocking (Produktionsblockade, sehen Sie, deshalb reden wir alle Denglisch:)) )

In Gruppengesprächen kann immer nur eine Person sprechen. Solange Sie zuhören, sind Sie „blockiert“ - Sie können keinen eigenen kreativen Input liefern. Während der Wartezeit:

  • vergessen Sie Ihre Idee (Grenzen des Kurzzeitgedächtnisses)
  • halten Sie sie für weniger originell (schließlich sagen inzwischen auch andere etwas)
  • verlieren Sie den Faden

Und das ist keine individuelle Schwäche. Das ist ein strukturelles Problem. Wenn sechs Leute im Meeting sitzen und einer spricht, sind fünf blockiert. Mathematik. Und zugegeben nicht mal besonders anspruchsvolle:))

2. Social Loafing (soziales Faulenzen)

Laut Adrian Furnham, Professor am University College London, neigen Menschen in Gruppen dazu, sich weniger anzustrengen als allein.

Dafür gibt es zwei Gründe:

  • Man kann sich in der Gruppe „verstecken“ - die anderen arbeiten ja auch
  • Wenn Sie erwarten, dass sich die anderen drücken, fahren Sie Ihre eigene Anstrengung ebenfalls zurück, damit der Einsatz „gerecht“ verteilt ist

Kommt Ihnen bekannt vor, hm?

3. Evaluation Apprehension (Bewertungsangst)

Das ist der spannendste Punkt. Studien haben gezeigt, dass Menschen beim Gruppen-Brainstorming ausgerechnet ihre kreativsten Ideen selbst zensieren.

Warum? Weil sie Angst vor einer negativen Beurteilung haben.

Als die Forschenden den Teilnehmenden sagten, ihre Ideen würden von ihren eigenen Kolleginnen und Kollegen bewertet, kamen diese mit deutlich weniger und weniger neuartigen Ideen als diejenigen, denen eine Bewertung durch anonyme Gutachter versprochen worden war.

Isaac Asimov, der Science-Fiction-Autor (und übrigens Professor für Biochemie an der Boston University..), formulierte es so: „Was die Kreativität betrifft, ist Abgeschiedenheit notwendig... Die Anwesenheit anderer kann diesen Prozess nur hemmen, denn Erschaffen ist peinlich.“

Auch die „Keine Kritik“-Regel funktioniert nicht

Das hat mich wirklich überrascht, als ich zum ersten Mal davon gelesen habe. Als echte Vollblut-Kritikerin gebe ich zu: Ich habe mich ganz schön darüber gefreut:)) 

Alex Osborn, einer der Väter des Brainstormings, sagte, die wichtigste Regel laute: Kritisieren Sie nicht die Ideen der anderen. Die Logik dahinter: Kritik bremst die Leute, und es entstehen weniger Ideen.

Charlan Nemeth, Psychologieprofessorin an der UC Berkeley, testete diese Annahme in einer 2004 veröffentlichten Studie. Sie bildete drei Gruppen:

  • Erste Gruppe: klassische Brainstorming-Regeln, einschließlich der Anweisung „keine Kritik“
  • Zweite Gruppe: Brainstorming, aber Debatte und Kritik ausdrücklich erlaubt
  • Dritte Gruppe: Kontrollgruppe, keine besonderen Anweisungen

Das Ergebnis?

Die debattierende Gruppe produzierte 25 % mehr Ideen als die beiden anderen. Und noch spannender: In Einzelinterviews nach dem Experiment kamen die Mitglieder der debattierenden Gruppe im Schnitt auf sieben weitere Ideen pro Person, die anderen nur auf ein, zwei.

Nemeth wiederholte die Studie auch in Paris - mit denselben Ergebnissen.

„Obwohl die Anweisung ‚keine Kritik‘ oft als wichtigste Brainstorming-Regel zitiert wird, scheint sie eine kontraproduktive Strategie zu sein. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Debatte und Kritik Ideen nicht hemmen, sondern stimulieren“, schrieb Nemeth.

Denken Sie mal darüber nach. Wenn Künstler, Autorinnen, Wissenschaftler gemeinsam an Projekten arbeiten, kritisieren sie unweigerlich gegenseitig ihre Ideen. Wenn Sie wirklich auf einer Idee aufbauen wollen, müssen Sie ihre Schwächen erkennen. Und das geht nur mit Kritik.

Aber gemeinsam zu brainstormen fühlt sich doch so gut an!

Ja. Und genau das ist das Problem.

Die Studie von Stroebe, Diehl und Abakoumkin aus dem Jahr 1992 (Personality and Social Psychology Bulletin) wies ein Phänomen nach, das die Autoren die „Illusion der Gruppeneffektivität“ nannten.

Kurz gesagt: Menschen überschätzen die Produktivität ihrer eigenen Gruppe.

Warum? Weil es in der Gruppenarbeit schwer ist, die eigenen Ideen von denen der anderen zu unterscheiden. Das Gesamtergebnis - das die Beiträge aller enthält - fühlt sich an, als wäre es Ihres. Das fühlt sich gut an. Ist aber eine Illusion.

Laut den Forschenden glauben 80 % der Menschen, dass sie in der Gruppe mehr und kreativere Ideen entwickeln können als allein. Die Wissenschaft sagt: Es ist genau umgekehrt.

Was soll ich denn jetzt tun?

Leigh Thompson, Professorin an der Kellogg School of Management der Northwestern University, kam nach der Auswertung jahrzehntelanger Forschung zu folgendem Schluss:

  • Einzelne sind besser im divergenten Denken (breit gefächerte, vielfältige Ideen generieren)
  • Gruppen sind besser im konvergenten Denken (auswählen, welche Ideen es wert sind, weiterverfolgt zu werden)

Der Organisationspsychologe Adam Grant formuliert es so: „Einzelne produzieren mehr brillante Ideen als Gruppen - aber auch mehr schreckliche. Es braucht kollektives Urteilsvermögen, um das Signal im Rauschen zu finden.“

Die Lösung ist also nicht, nie wieder in Gruppen zu arbeiten. Die Lösung ist, die Gruppe anders zu nutzen.

Brainwriting: die Alternative, die funktioniert

Thompsons Empfehlung ist einfach:

  1. Alle schreiben ihre Ideen allein und schweigend auf
  2. Die Ideen werden reihum geteilt (alle lesen ihre eigenen vor)
  3. Mehrere Runden Schreiben und Teilen, damit man auf den Ideen der anderen aufbauen kann
  4. Zum Schluss: gemeinsame Bewertung und Auswahl

Dieser Ansatz löst das Problem des Production Blocking (alle arbeiten gleichzeitig), reduziert Social Loafing (alle sehen, wer wie viel beigetragen hat) und mildert die Evaluation Apprehension (die Ideen erscheinen zuerst schriftlich).

Eine Ausnahme: Online-Brainstorming

Susan Cain, Autorin des Buches „Quiet“, wies auf eine interessante Ausnahme hin: Online-Brainstorming kann tatsächlich funktionieren.

Studien zeigen: Wenn Gruppen-Brainstorming online stattfindet - wo alle gleichzeitig ihre Ideen aufschreiben und sogar anonym bleiben können -, bringt es nicht nur bessere Ergebnisse als individuelles Brainstorming, sondern je größer die Gruppe, desto besser die Ergebnisse.

Vielleicht funktioniert es für Introvertierte besser. Vielleicht hilft die fehlende Gleichzeitigkeit im Gespräch. Der Punkt ist: Hier kann Technologie tatsächlich ein menschliches Problem lösen. Wobei man auch dafür nicht zurück ins Office kriechen muss. 

Ergo?

Ergo würde ich nicht sagen, dass Sie sich nie wieder mit Ihrem Team zum Ideensammeln zusammensetzen sollen. Gruppenarbeit ist für jede Menge anderer Dinge gut - für Zusammenhalt, Einbindung, gemeinsame Verantwortung, Serotoninproduktion.

Aber wenn Sie wirklich kreative Ideen brauchen? Dann geben Sie allen Zeit und Raum, allein nachzudenken. Und dann bringen Sie die Leute zusammen, damit sie auswählen und weiterbauen - aber nicht, damit sie Ideen generieren.

Und glauben Sie bloß nicht, dass die Gruppe kreativer ist als der Einzelne. Ist sie nicht.

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