Es ging um ein gamifiziertes E-Learning, ja. Ein Thema, das spaltet, so viel ist sicher, aber ein so hartes Feedback dazu habe ich noch nie gehört.
Gibt es also ein Problem mit blinkenden Eulen, Raketen und Raumschiffen?
Nein.
Absolut nicht repräsentativ, aber nach unzähligen Gesprächen mit Führungskräften in den letzten zehn Jahren kann ich sagen: Die eine Hälfte der Leute wird davon glücklicher, die andere nicht.
Aber dass harmlose Gamifizierung jemanden so auf die Palme bringt, dass er über eine Kündigung nachdenkt, darauf wäre ich bisher nicht gekommen.
Und fairerweise: Die Eule war nicht schuld.
Sondern Folgendes: Compliance hin oder her, wenn Sie jemanden alle sechs Monate zwingen, dasselbe E-Learning durchzuklicken, dann stehlen Sie ihm nicht auch noch mit Eulen die Zeit, denn damit regen Sie ihn nur tierisch auf. Und dafür zahlen Sie für die Gamification auch noch extra - bis genau hierhin habe ich es geschafft, dieses Wort „auf Deutsch“ zu schreiben. Ich weiß das, weil wir so etwas auf Wunsch auch bauen.
Durchschnittlich bleiben Beschäftigte sechseinhalb Jahre in einer Position. Die dazugehörigen Pflicht-E-Learnings können sich in einem großen Unternehmen auf eine Größenordnung von hundert summieren, mit dem Ergebnis, dass der arme Mensch an jedem lieben langen Tag eine Benachrichtigung bekommt, dass irgendein „Eulen-Dings“ abgelaufen ist. Das ergibt ungefähr so viel Sinn, wie Teenagern, die mit Harry Potter und Percy Jackson aufgewachsen sind, „Effi Briest“ als Pflichtlektüre vorzusetzen.*
Man wird Sie dafür hassen, und erledigt wird es nicht, höchstens auf den letzten Drücker, wenn es gar nicht anders geht.
Wenn jemand sechseinhalb Jahre bei Ihnen ist, heißt das: Sie zwingen die arme Person mit extra bezahlter Gamifizierung, sich im Laufe ihres Berufslebens 13-mal dieselbe verdammte Eule anzusehen, während Sie im gesamten Material vielleicht zwei Absätze aktualisiert haben. Aber das sieht sie nicht, und es interessiert sie auch nicht. Erstens liest sie es nicht durch, nicht beim zweiten Mal und schon gar nicht beim dreizehnten. Zweitens hat sie sich da längst über die Eule aufgeregt.
Was lernen wir daraus?
Verordnen Sie so viele Pflicht-E-Learnings, wie Sie MÜSSEN. Nicht „müssen“ in dem Sinne, dass Tante Margit oder Claudia in Paris irgendwann beschlossen hat, das müsse alle sechs Monate gemacht werden, einfach so.
Sondern „müssen“ in dem Sinne, dass Sie jedes einzelne durchdacht haben und es wirklich NÖTIG ist.
Niemand vergisst innerhalb von sechs Monaten, ob es sexuelle Belästigung ist, einer Kollegin oder einem Kollegen am Ende des Meetings in den Hintern zu kneifen. Und auch nicht, ob man zulassen darf, dass ein Lieferant ein halbes Schwein in den Kofferraum des Insignia legt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig... :)) Aber Sie verstehen, worauf ich hinauswill. So etwas lassen Sie einmal im Leben absolvieren und lassen die Leute danach in Ruhe. Wenn Sie es wirklich nur einmal absolvieren lassen und es Ihnen damit besser geht, dürfen Sie gern eine Eule einbauen. Viele werden sich darüber freuen.
Jemanden aber zu zwingen, alle sechs Monate dieselbe „Effi Briest“ zu lesen, und das Ganze dann noch mit knallbunten, blinkenden, hüpfenden, rollenden Videos auszubremsen, ist schlicht Menschenquälerei.
Die man natürlich auch gamifizieren kann, aber das wäre vielleicht nicht ganz der Sinn der Sache.
*Arme Effi Briest. Ob es auf der Welt überhaupt einen Menschen gibt, der sie wirklich ganz gelesen hat?