Kahlers Antreiber hat noch niemand besser erklärt. Und das ist Pflichtprogramm.

Als wir „Dornröschen“ zum zwölften Mal auf DVD schauten, weil wir nur diese eine hatten, schlug mein Mann vor, Disney+ zu abonnieren. Wer schon einmal einen der frühen Disney-Filme gesehen hat, bekommt bei diesem Gedanken garantiert ein nervöses Zucken.


Ich auch.


75 Minuten lang zuzusehen, wie Dornröschen/Schneewittchen/Cinderella hübsch und vielleicht sogar noch fleißig ist - das ist keine intellektuelle Herausforderung, selbst wenn man sich darauf einstellt, einen Kinderfilm zu sehen.


Alles in mir sträubte sich also gegen die Idee, aber zum Glück wählen unsere Töchter, je älter sie werden, für unseren üblichen Familienkinoabend am Freitag nicht mehr nur diese einfältigen Geschichten aus.


Schon bei „Die Eiskönigin“ hatte ich den Verdacht, dass an der Geschichte knallharte Profi-Psychologen mitgeschrieben haben, so fein zeichnen die Autoren die Geschwisterbeziehung und die Geburtsreihenfolge. Seitdem trauern Adele Faber und Elaine Mazlish sowie Kevin Leman gemeinsam, weil sie jetzt garantiert weniger Bücher verkaufen. 

Aber der Grund, warum ich jetzt zur Feder greife, ist „Encanto“! Sehen wir einmal darüber hinweg, dass Ihnen in den ersten fünf Minuten bei dem rasend schnellen Lied, in dem die ganze Familie vorgestellt wird, das Hirn einschläft - das soll ohnehin keine Filmkritik werden. Wenn Sie diese fünf Minuten überlebt haben, ist die Story ab da eine punktgenaue Darstellung von Taibi Kahlers Antreibern, und die stammen immerhin von 1975.


Ein bisschen Theorie: Kahler sagt, dass wir als kleine Kinder Strategien entwickeln, mit denen wir in den Augen unserer Eltern liebenswert (etwas mutiger formuliert: weniger nervig) werden. Es gibt fünf solcher Strategien (Antreiber). Wenn wir sie gut eingesetzt haben, konnten wir der Missbilligung unserer Eltern entgehen, im besten Fall gab es dafür sogar Lob. Diese fünf sind:

  1. Mach es allen recht! - diejenigen, deren Eltern im Sandkasten sagten: „Gib dem kleinen Paul schön die Schaufel“, auch wenn gerade Sie so fröhlich mit dieser Schaufel gespielt haben.

  2. Sei stark! - diejenigen, die am häufigsten zu hören bekamen: „Stell dich nicht so an!“, auch wenn das Blut floss und der Knochen gebrochen war.

  3. Beeil dich! - diejenigen, die meistens den Befehl hörten: „Putz dir endlich die Zähne, zieh endlich den Schlafanzug an, geh endlich schlafen!“, und die seitdem durch ihr ganzes Leben hetzen.

  4. Sei perfekt! - denen „Sitz gerade! Sei still! Pass auf deine Kleidung auf!“ bekannt vorkommt und die darüber ein bisschen vergessen haben, Kinder zu sein.

  5. Streng dich an! - diejenigen, für die es immer höchstens ein „fast gut“ gab und die, so sehr sie sich auch abmühten, die volle Zufriedenheit ihrer Eltern nie erringen konnten.

Laut Kahler lassen sich diese Antreiber nicht überschreiben, aber wenn wir uns unseres eigenen inneren Befehls bewusst sind (meist haben wir zwei dominante Antreiber), können wir die Vorteile nutzen, die daraus entstehen. Und natürlich dürfen wir uns ab und zu erlauben, gegen unseren Befehl zu handeln - und so die nicht enden wollende Anspannung lösen, die es bedeutet, den anerzogenen Erwartungen zu entsprechen - weit über die Kindheit hinaus.


Aber zurück zu „Encanto“! 


Die Erstgeborene, Luisa, ist die Schwester mit dem Körperbau einer unglaublich kräftigen Marketenderin, die nach dem Befehl Sei stark! funktioniert. Sie beklagt sich nie, erledigt alles, schleppt ihre eigenen Lasten und die der anderen. Dabei ist sie natürlich auch einsam, denn um Hilfe bitten würde sie nie. Auch wenn sie manchmal schwer mit körperlichen oder seelischen Schwächemomenten ringt, leugnet sie diese lieber, selbst wenn sie von Zeit zu Zeit selbst unter dieser Art leidet.



(Der englische Songtext beschreibt Luisas inneren Kampf viel anschaulicher - es lohnt sich, ihn anzuhören.)


Die Zweitgeborene, Isabela, ist ein wunderschönes Mädchen, das in Erscheinung, Manieren, Verhalten und jedem anderen Detail perfekt ist. Sie hat sehr hohe Ansprüche, schließlich prasseln auch auf sie sehr hohe Erwartungen ein, und es ist für sie Pflicht, jeder einzelnen davon gerecht zu werden. Sie würde sogar jemanden heiraten, den sie gar nicht heiraten will, nur damit der Zauber des „Vorzeigekinds“ nicht bricht. Was sie auch tut, sie tut es fehlerlos und strahlt dabei unentwegt Perfektion aus, was ihre weniger perfekten Familienmitglieder nicht wenig frustriert.


Und schließlich die Heldin des Märchens, Mirabel, die keine Wundergabe abbekommt und am Ende doch diejenige ist, die es möglich macht, dass die zerfallende Familie auf einer höheren Ebene wieder zueinanderfindet. Sie kämpft über ihre Kräfte hinaus, bemüht sich unentwegt, anderen zu helfen und den Erwartungen ihrer Großmutter gerecht zu werden, doch ohne Wundergabe will ihr das einfach nicht gelingen. Sie ist ständig unzufrieden mit sich, und obwohl viele in der Familie sie schätzen, reicht ihr deren Bestätigung nicht, sie will immer noch mehr erreichen. Weil es sie furchtbar mitnimmt, wenn man ihr vorwirft, sich nicht genug anzustrengen, gibt sie irgendwann sogar auf und brennt in diesem endlosen Bemühen aus.


Es wäre natürlich nicht Disney, wenn nicht genau an diesem Punkt die strenge Großmutter erkennen würde, dass gerade ihre hohen Erwartungen den Zwang der Enkelinnen, es allen recht zu machen, so stark geprägt haben,  und dass sie vielleicht ein klitzekleines bisschen nachsichtiger und verständnisvoller mit allen sein könnte.


So traut sich Luisa im Schlussbild des Films auf einen Schlag, sich auch auf andere zu stützen, um Hilfe zu bitten und sich schließlich mit einem Cocktail in der Hand in eine bequeme Hängematte zu schwingen - denn eine der Auflösungen des Antreibers „Sei stark!“ ist genau die: Sie dürfen sich zurücklehnen und ausruhen!


Isabelas Belohnung sind zerzauste, farbverschmierte Haare, ein zerknittertes Kleid und die geplatzte Hochzeit, denn für sie bedeutet die Erlösung, endlich Fehler machen und auch über sich selbst lachen zu dürfen.


Und Mirabel bekommt am Ende den Türknauf des ganzen Zauberhauses, als Symbol dafür, dass sie sich endlich nicht mehr nur bemüht, sondern ihr Ziel erreicht hat und ihren eigenen, wohlverdienten Platz in der Familie hat.


Und was lernen wir daraus? 


Einerseits, dass schon ein ganz besonderes Kind dazugehört, bei dem das so zusammenkommt - nicht die Antreiber-Theorie, sondern die eigenen unbewussten Muster zu kennen und bewusst mit ihnen umzugehen. Darum: Was auch immer Sie lesen oder schauen, reden Sie unbedingt viel darüber, denn in Märchen steckt längst viel mehr, als dass das Gute belohnt und das Böse gerecht bestraft wird.


Andererseits, dass sich die Wurzeln der ständigen Unzufriedenheit mit uns selbst, des fehlenden Selbstvertrauens und des „Ich bin nicht gut genug“ verstehen und sogar auflösen lassen. Und da ich kaum Coaching-Klienten erlebt habe, bei denen das nicht auf die eine oder andere Weise zur Sprache kam, empfehle ich Ihnen: Schauen Sie sich „Encanto“ an.


Oder! 


Wenn Ihnen die Disney-Analyse nicht reicht, kommen Sie ins Coaching, dann gehen wir auch Ihren Antreibern auf den Grund - nicht dass Sie das danach nicht auch schon selbst könnten... :)


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