„Warum dann am Dienstag?“
Fragte ich zurück, und es wurde so still, dass man die Vögel hören konnte. Hätte hören können, wenn er nicht Noise-Cancelling-Kopfhörer aufgehabt hätte. Er hatte mich wegen eines Termins angerufen, wir treffen uns mal online, mal persönlich, und wir versuchten gerade herauszufinden, wer an dem Tag wo sein würde.
Als Coach-Neuling ist es eine der schwierigsten Aufgaben, die Stille auszuhalten.
Als Coach, der kein Neuling mehr ist, eine der genussvollsten.
Sie müssen gar nichts tun.

Sie können die Adern an seinem Hals beobachten, ihm in die Augen schauen, zusehen, wie seine Gedanken rasen. Oder, dem Telefon sei Dank, einfach nur die Stille hören. Und das Feuerzeug, wie es zischt. 2025, und er raucht immer noch. Der wird sich nie bessern.
„Ich hatte gehofft, die Verbindung ist abgebrochen!“, sagte er schließlich, und wir brachen beide in schallendes Gelächter aus.
„Na, dann leg ich jetzt auf, und du rufst an, wenn du draufgekommen bist“, antwortete ich, und ich wusste schon, dass wir damit die kürzeste Sitzung meines Lebens beendet hatten, mit diesen vier zeitlich perfekt platzierten Worten. Keine lehrbuchmäßige Coachingfrage, ich weiß.
Aber es hat funktioniert.
Wir legten auf. Drei Wochen später rief er an. Gehen wir essen, ja? Komm mit den Öffis, wir feiern, ich habe unterschrieben.
Okay.
Ein unendlich gelassenes Lächeln erwartete mich. Er rauchte nicht einmal gerade.
Am Dienstag ging er nicht rein. Am Mittwoch auch nicht, am Donnerstag auch nicht. Am Freitag ging er hin, setzte sich mit seinem Chef zusammen und sagte ihm, dass er ab Montag entweder 100 % Homeoffice bekommt oder zur Konkurrenz geht. Kein Wettbewerbsverbot im Vertrag, Projektleiter. Ein guter noch dazu. Ein sehr guter.
Er ist kein besonders durchsetzungsstarker Typ. Und er raucht. Aber er hat den Kopf für beides (hoffen wir, dass die Lunge auch mitspielt), und er kennt seinen Wert.
Und er hatte die Nase gestrichen voll. Aber so richtig.
Er hatte es satt, dass man zu nah an seinem Auto parkt, dass man zu lange auf den Aufzug warten muss.
Dass er zwar auch zu Fuß hochgehen könnte, aber dann vergisst jemand, die Tür aufzuschließen, und er sitzt im verdammten Treppenhaus fest.
Dass es theoretisch auch ein Fitnessstudio gäbe, aber praktisch sieht man es nicht gern, wenn er tagsüber trainiert, also bleibt nur der Abend, aber dann macht ihm Réka die Hölle heiß.
Dass er morgens im Stau eigentlich seine Podcasts hört, endlich mal etwas lernen würde, aber zwischendurch rufen schon die Ersten an, und natürlich drückt er sie weg.
Dann erfindet er irgendeine Ausrede, warum er weggedrückt hat.
Dann hat er auch von sich selbst die Nase voll, weil er 43 ist, verdammt noch mal, wen belügt er hier eigentlich.
Er ruft zurück.
Er kommt nie bis zum Ende des Podcasts, drei Stunden geht das Ding, und vor zwei Wochen hat er damit angefangen.
Dann kommt er an, klappt den Laptop auf und erledigt die Arbeit, mit der er morgens um 7 Uhr schon fertig gewesen wäre, während sich die Kinder anziehen.
Aber auf dem Firmenrechner laufen auch seine Bots nicht, dafür braucht er seinen Rechner zu Hause. Also schickt er sich ein paar Dateien an seine Gmail-Adresse, damit sie wenigstens beisammen sind, und macht es dann zu Hause, wo er anständiges Werkzeug hat. Dann liest er, was seine Frau über den Elternabend geschickt hat.
Nicht, weil es ihn interessiert. Sondern weil es dafür reicht, wenn nur er und das Grundrauschen im Büro da sind.
Das Grundrauschen, das er schon als junger Mann nicht ertragen hat. So ist sein Gehirn nicht verdrahtet. Neurodivergent, wie man heute modisch sagen würde. Menschenfeind, „nicht jeder ist so wie du!!“, sagte er über sich selbst in einer unserer ersten Sitzungen letztes Jahr. Es macht ihn wahnsinnig. Das Niesen, das Witzereißen, das Gezwitscher, das Geplapper.
Mit der Arbeit hat er kein Problem, aber diese Beilage braucht er nicht mehr.
Nicht am Montag.
Nicht am Dienstag.
Gergős Namen haben wir auf seinen eigenen Wunsch nicht geändert. Den seiner Frau dagegen, auf Gergős Wunsch, sehr wohl :)