Mal tut Ihnen der 24-Jährige leid, weil wir ihn so auspressen, dass er ausgebrannt ist, bevor er überhaupt seinen Abschluss hat. Dann wieder hören Sie „auf dem Markt“, wo man arbeiten gehen sollte, weil es sich - wait for it - gut als passives Einkommen eignet.

Als passives Einkommen.

Denn ja, es gibt so eine Firma (nein, nicht nur eine, und nein, nicht nur zwei, und nein, nicht nur in Ungarn, und nein, nicht nur in Finnland, und nein, wir verraten nicht, welche, auch wenn Sie sich noch so gern vor der Arbeit drücken würden - denn davon halten wir nichts :) ), von der man auf dem Markt längst weiß, dass man dort nicht arbeiten muss.

Natürlich heißt das nicht, dass dort überhaupt niemand arbeitet, sonst käme die Firma ja nirgendwohin. Sondern dass sie auffallend viele Positionen hat, bei denen bekannt ist, dass so wenig zu tun ist, dass man sie als passives Einkommen betrachten kann: Nebenher kann man den Abschluss machen, ein Zweitstudium draufsetzen, sein Buch schreiben oder eine Werbeagentur führen. True story.

Genauso wie wir einen 21-jährigen Mentee haben, der neben dem Studium zwei Vollzeitjobs hat, einen angemeldet, einen schwarz, und dessen Tag damit immer noch nicht ausgefüllt ist. 

Gleichzeitig erscheinen ständig Studien darüber, wie ausgebrannt wir alle sind, und ja, das gibt es hier genauso: Erschreckend viele Klientinnen und Klienten kommen schwer ausgebrannt zu uns. Nein, nicht aus Langeweile, sondern weil sie drinnen plattgetreten werden.

Seit Jahren diskutieren wir im Team darüber, in wie viel Prozent der Unternehmen es ganze Scharen von Positionen gibt, denen man chronisch vergisst, Arbeit zu geben. Gestern haben wir dazu auch Sie gefragt, also unsere Leserschaft: im Schnitt 35 Jahre alt, mit Hochschulabschluss, mehrsprachig, komplett organisch gewachsen, zur Hälfte Männer, zur Hälfte Frauen.

Das Ergebnis ist - finde ich - beängstigend.

Die Hälfte der Befragten gibt zu, schon einmal eine Position gehabt zu haben, in der sie nach eigener Einschätzung im Schnitt nicht einmal 3 Stunden am Tag gearbeitet hat. Also:

1) nach eigener Einschätzung - also inklusive „Optimism Bias“, im vollen Wissen, dass man die eigene Arbeitsmenge eher über- als unterschätzt

2) wir haben nicht gefragt, ob man schon einmal unterfordert war, sondern ob man NICHT EINMAL 3 Stunden am Tag gearbeitet hat.

Na, was meinen Sie, wie viel wurde dann tatsächlich gearbeitet? 

Eben.

Können wir jetzt also darüber lamentieren, wo das Problem liegt?

Ich finde: darin, dass Langeweile eine schärfere Waffe ist als Überlastung. Aber natürlich hat leicht reden, wer nach Jahrzehnten Arbeit an der Selbsterkenntnis inzwischen Nein zu einer Aufgabe sagen kann, auch wenn sie „Pflicht“ ist. Ich war auch nicht immer so. Auch ich hatte einen Arbeitsplatz, an dem alle immer vor dem Rechner gegessen haben, weil man einem tierisch aufs Dach gestiegen ist, wenn man auch nur eine Minute so tat, als hätte man Mittagspause. Egal, in welchem Tempo man gearbeitet hat. Oder später woanders: Da bin ich mit Headset Snowboard gefahren, weil ich im Urlaub teilweise 5 Stunden (!) am Tag angerufen wurde. War das gut für mich? Ja. Hätte ich Langeweile ausgehalten? Nein. 

Aber das ist individuell: Die einen halten das besser aus, die anderen machen es, auch wenn sie dabei zusammenbrechen. Lassen wir diesen Strang also los.

Eine wirklich spannende Frage ist dagegen: Warum lassen Führungskräfte das zu? Vielleicht ist es auch hier nicht naiv, wohlwollend zu sein und anzunehmen, dass sie sehen, was passiert. Sie tun nur nichts dagegen. Aber warum nicht, wenn es doch verdammt teuer ist, Leute zu beschäftigen? 

Die Teamleitung und das mittlere Management nicht, weil sie - ob es uns gefällt oder nicht - daran interessiert sind, bei jeder Gelegenheit noch jemanden einzustellen. +1 FTE, das könnte langsam schon als Ziel in den Jahresplänen stehen :). Und natürlich haben sie recht damit, schließlich haben sie selbst Jahre erlebt, in denen sie im Urlaub 5 Stunden am Tag angerufen wurden. Sie wollen nicht, dass ihre Leute zusammenbrechen, also kämpfen sie um zusätzliche Köpfe. Richtig so. Dazu kommt: Als hierarchiegläubige Nation - wir Ungarn jedenfalls - sind wir gern stolz darauf, dass in der Pyramide mehr Menschen unter uns sitzen als über uns. Größeres Team, höheres Gehalt, mehr Status. So sind wir verdrahtet. 

Und warum lässt es das Top-Management zu? 

Ein Teil davon, weil es ihnen nicht wehtut. Jetzt, in der Krise, fängt es natürlich langsam an, schließlich wird inzwischen gemessen, was wo eingespart werden kann, aber meist kommt man damit nur bis zu dem Punkt, dass keine neuen Leute eingestellt werden dürfen. Nur weil jemand nicht arbeitet, muss man ja noch niemanden rauswerfen. Und bis dahin wird man es natürlich auch nicht tun, denn man ist nicht dumm und weiß genau, dass man sich gerade jetzt mit den vielen arbeitslosen Positionen wappnen muss (schöner Ausdruck, oder? Ein Oxymoron! :) ).

Denn so gibt es etwas, wo man kürzen kann.

Und auch das ist logisch, Sie würden es genauso machen. Oder machen es gerade. 

Dann aber noch eine Frage. Was soll es bringen, mit der Wärmebildkamera zu prüfen, ob jemand lange genug vor dem Rechner sitzt, zu zählen, wie viele Tasten er gedrückt hat, wie viele Tage er im Office verbringt oder wie viele Stunden am Tag er in Teams grün ist? 

Sollten Sie nicht lieber messen, WAS jemand tut, statt darauf zu schauen, WIE er es tut? Seit Cialdini wissen wir, dass 67% der geschlossenen Fragen, die mit Beeinflussungsabsicht gestellt werden, zum Erfolg führen, also gehören Sie bitte auch zu den 67%.

Doch, natürlich sollten Sie genau das messen. 

Wenn das Thema bei Ihnen gerade aktuell ist

Führungskräfteentwicklung

Führung ist keine Rolle, sondern Verhalten. Programme von der ersten Führungsrolle bis zur Geschäftsleitung.

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