Wir haben schon über coachingorientierte Führung, über Startmaschinen und über Matrosen geschrieben - Copyright ;) -, aber über Vögel noch nicht. Gemeint ist Folgendes: Die Top-Führungskraft, die sonst über der Organisation kreist wie die Möwe am Strand, die nach Fischen Ausschau hält, stößt ab und zu herab und schnappt sich einen leckeren Happen.

Dieser Happen ist in unserem Fall eine operative Aufgabe, die sie verflixt noch mal überhaupt nichts angeht, aber sie kann einfach nicht die Finger davon lassen. Sie übernimmt die Aufgabe von jemandem, der eine, zwei oder wer weiß wie viele Führungsebenen tiefer sitzt.
Ehrlich gesagt verstehe ich das sogar: Nach all den Board-Meetings, MC-Meetings, SC-Meetings und den übrigen Runden mit zwei oder drei Buchstaben, in denen meist mehr oder weniger eingeschüchterte Kolleginnen und Kollegen versuchen, einen zu überzeugen, in der Hoffnung auf Budget, Leute und Rückendeckung, tut es gut, sich mal mit „echten“ Dingen zu beschäftigen. Endlich etwas Konkretes, das man erledigen kann, endlich keine abgehobene Präsi, die man sich bis zum Ende anhören muss, endlich die Karriere eines Kollegen aus Fleisch und Blut, die man ebnen kann!
Ich fürchte, es ist Zeit, Sie zu enttäuschen, liebe Top-Führungskraft: Das alles ist nicht Ihr Job. Warum nicht?
Erstens ist Ihre Kapazität nicht dafür gedacht. Zweitens ist es schädlich. Schädlich für das Vertrauen, das Sie mit Ihren Mitarbeitenden aufgebaut haben, für das Funktionieren Ihrer Organisation und auch für Ihren Ruf.
Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele, damit Sie sehen, wo Sie gern mal hineinmöwen - vielleicht überzeuge ich Sie ja. Damit kein Missverständnis entsteht: Jedes davon kann auf den CEO eines Konzerns mit mehreren Tausend Beschäftigten genauso zutreffen wie auf die Chefin oder den Chef eines mittelständischen Betriebs mit 20 Leuten - Letztere richten höchstens weniger Schaden an. Anfangs...
Talentmanagement
Ihnen ist jemand aufgefallen, den Sie für talentiert halten: Die Person erschrickt nicht, wenn sie mit Top-Führungskräften arbeiten muss, hat gute Ideen und weiß auch, was sie in ihrer Karriere will.
Super!
Deshalb müssen Sie trotzdem nicht anstelle ihrer direkten Führungskraft darüber nachdenken, welcher nächste Karriereschritt gut für sie wäre. Und schon gar nicht sollten Sie sich in ein Auswahlverfahren einmischen. Und vor allem sollten Sie sie nicht mit allerlei superwichtigen und spannenden Projekten und ad hoc zu lösenden Sonderaufgaben überladen.
Und zwar deshalb nicht, weil sie, bis sie wirklich die Chance auf eine höhere Position bekommt, die wohlwollende Aufmerksamkeit der Chefetage so satthat, dass sie lieber zu einem anderen Unternehmen auf einen bequemen Posten wechselt, statt weiter Ihren Karren zu ziehen. Ganz zu schweigen davon, dass Sie wieder einmal Ihrer nachgeordneten Führungskraft nicht zugetraut haben, selbst zu wissen, welches Entwicklungsinstrument und welches Tempo für ihre Leute das richtige ist. Geduld.
Was Sie stattdessen tun sollten? Sprechen Sie mit jeder Ihrer direkt unterstellten Führungskräfte über das Thema und finden Sie heraus, wie sie darüber denken. Greifen Sie dort ein, wo es nötig ist: mit Erwartungen, mit Orientierung, mit gut platzierten Fragen.
Krisenmanagement
Hmm, ein dankbares Terrain. Wenn etwas schiefläuft, das die ganze Organisation betrifft oder den Service für die Kunden lahmlegt, wer könnte da besser helfen als die Nummer eins, oder?
Ich kenne einen CEO, der noch dazu in einer Branche arbeitet, die von Haus aus ein gefährliches Geschäft ist. Störfälle kommen oft vor, Situationen, die zum Beispiel durch unvermeidbare Wetterbedingungen entstehen - da hilft nichts, die müssen bewältigt werden. In so einer Situation bekamen seine direkt unterstellten mittleren Führungskräfte draußen vor Ort im Morgengrauen diese SMS: „Ich bin sicher, dass ihr die Lage professionell im Griff habt. Passt aufeinander auf und meldet euch, wenn ihr irgendetwas braucht!“ Ist das die beste Art, in einer solchen Lage zu agieren - oder ist es besser, wenn Sie stündlich anrufen und sich Punkt für Punkt Bericht erstatten lassen? Was sie getan haben, welches Risiko sie wie gehandhabt haben, und dann schieben Sie noch drei Fragen nach dem Muster „Und ihr habt doch hoffentlich auch daran gedacht, dass...“ hinterher? Ich für meinen Teil entscheide mich für Vertrauen.
Umstrukturierung
Es ist völlig legitim, dass Sie eine Vorstellung davon haben, wie die Organisation, an deren Spitze Sie stehen, aussehen und funktionieren sollte. Es ist sogar nötig, dass Sie diese Vorstellungen als Leitlinien in eine Umstrukturierung einbringen oder auf Risiken, Geschäftstrends und Chancen aufmerksam machen, die Sie von Ihrem Platz aus wahrscheinlich früher wahrnehmen als Ihre Mitarbeitenden.
Genau hier können Sie dann auch aufhören.

Denn nicht Sie werden die Prozesse und die Struktur am Laufen halten, sondern Ihre Leute. Die wissen selbst am besten, was für sie funktioniert, also lassen Sie sie die Details ausarbeiten. Es steht schlecht um ein Unternehmen, in dem Sie am besten wissen, wie was zu tun ist - finden Sie nicht?
Ideen auf eigene Faust
Es gibt Zusammenhänge, die nur Sie sehen oder die Sie als Erste oder Erster sehen, weil man sie aus der Vogelperspektive leichter erkennt.
Sie haben eine Idee, für deren Weiterentwicklung Sie vielleicht Daten brauchen.
Sie haben eine Annahme, und um sie zu untermauern, brauchen Sie jemanden im Unternehmen, der sich mit dem Thema auskennt. Kurz entschlossen schreiben Sie eine E-Mail oder rufen die Person an, in deren Bereich das Thema fällt. Sie kennen sie ja, und bei Ihnen ist die Kultur schließlich so locker, dass das überhaupt kein Problem ist.
Soll ich Ihnen erzählen, wie solche Anrufe auf Mitarbeiterebene ankommen? „Oh mein Gott, CEO XY hat mich um diese und jene Daten gebeten! Alles stehen und liegen lassen, das muss bis vorgestern raus!!“ Und egal, auf welches Hindernis die Person bei dieser Aufgabe stößt, ihre Antwort auf alles lautet: „Weil CEO XY das so wollte.“
Hat sie gefragt, wofür Sie es brauchen?
Nein.
Haben Sie ihr gesagt, welche Spalten die Excel-Tabelle haben soll?
Nein.
Haben Sie ihr gesagt, bis wann Sie es brauchen?
Nein.
Ist Ihnen auch nur ein einziges Mal in den Sinn gekommen, beim Verteilen von Aufgaben nicht drei Führungsebenen zu überspringen?
Ich glaube kaum.
Können Sie sich vorstellen, was in so einem Moment im Kopf der Person vorgeht? Natürlich nicht. So seltsam es klingt: Mitarbeitende haben selbst vor dem umgänglichsten CEO Respekt, einfach weil sie Ihnen nicht tagtäglich begegnen. Sie sind es nicht gewohnt, einfach so einen Anruf zu bekommen. Von Ihnen.
Bitte: Bevor Sie das nächste Mal in bester Absicht ins System eingreifen, sprechen Sie mit Ihrer direkt unterstellten Führungskraft. Testen Sie Ihre Idee zuerst bei ihr, und sie besorgt Ihnen dann über die eingespielten Wege die Informationen und treibt das Thema weiter.
Denn genau das ist nämlich ihr Job.
Sie sagen also, wenn Sie sich an all das halten, bleibt für Sie so gut wie nichts mehr übrig? Vielleicht doch, aber wenn es nicht eindeutig ist, dann finden Sie hier zum Beispiel fünf professionelle Business Coaches, die gern mit Ihnen an der Antwort arbeiten. Executive Coaching ist übrigens auch Coaching - glauben Sie bloß nicht, dass es da irgendeinen Unterschied gibt, nur weil viele einen Aufpreis dafür verlangen. Auch ein CEO ist nur ein Mensch.
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