Vor Kurzem haben wir die Marke von 100 Organisationen überschritten, in denen wir Entwicklungsarbeit geleistet haben. Die Einzelcoachings sind da noch nicht mitgezählt, und davon begleiten wir insgesamt sagen wir rund 800 pro Jahr. Und auch darunter finden Sie keine Topführungskraft und keinen Inhaber, von dem Sie den Satz oben noch nicht gehört hätten.
Was ich erwarten würde, ist unternehmerisches Denken.
Aber von wem wird das eigentlich erwartet? Seit mindestens zwei Jahren hatten wir keinen Bäckerei-Vergleich mehr, also ist es höchste Zeit, eine Bäckerei mit 200 Leuten aus dem Ofen zu holen. Wenn Sie in einer Organisation mit 10.000 Mitarbeitenden arbeiten, passiert genau dasselbe, nur bekommen mehr Leute die Erwartung aufgebrummt.
Der Inhaber kommt montags und freitags vorbei. Er dreht eine Runde durch Ihren Bereich, lässt Sie zwei Tische abwischen, klopft Ihnen auf die Schulter und verschwindet dann im Büro. Sie schuften zwei Jahre in der Backstube, dann werden Sie zur Gruppenleitung befördert, und Ihnen unterstehen fünf Bäcker. Sie stehen immer noch unten in der Backstube, aber jetzt lassen auch Sie einen Tisch abwischen, bevor der Chef kommt. Dienstags nicht immer, aber montags kommt er, also dann schon. Montags haben Sie schon unternehmerisches Denken, könnten Sie stolz sagen, und Sie hätten übrigens recht.
Sie arbeiten zwei Jahre als Gruppenleitung, und weil Sie immer noch verdammt gut sind, holt man Sie ins Büro, und Sie werden Senior-Einkäufer. Sie prüfen Verträge, streiten mit Lieferanten, streiten mit den Gruppenleitungen, die Sie unten zurückgelassen haben, darüber, welche Butter statt der bestellten gekommen ist und wessen Schuld das ist. Denn Sie wissen inzwischen, dass Sie den Lieferanten wechseln müssen, auch wenn die Leute unten das nicht wollen, weil die Rechnung einfach nicht aufgeht.
Montags und dienstags haben Sie jetzt schon unternehmerisches Denken. Freitags lassen Sie die Leute noch anderthalb Jahre parallel beim alten Lieferanten bestellen, weil Sie natürlich auch den Leuten unten entgegenkommen wollen und weil Sie wissen, dass der alte Lieferant wirklich besser war. Und Sie wissen auch, dass es oben entweder niemand merkt (und es merkt tatsächlich niemand) oder dass Sie, wenn man Sie darauf anspricht, den alten im System sperren und sich mit den Leuten unten verkrachen. Aber bis dahin nicht.
Weil Sie es auch ihnen recht machen wollen. Zu Recht.
Noch zwei Jahre, und Sie leiten den Einkauf, über Ihnen nur noch die Geschäftsführung. Sie sehen, was Ihre Einkäufer tun, und wissen auch, warum. Sie sehen, was die Geschäftsführung tut, und wissen auch, warum.
Und wenn der alte Butterlieferant jetzt wirklich rausfliegen muss, weil es so viel Geld, wie die im Jahr verlangen, nur in Rechenaufgaben gibt*, dann werfen Sie ihn raus. Obwohl Sie wissen, dass die Leute unten recht haben und auch Ihr Einkäufer recht hat, der seit drei Jahren parallel mit beiden Lieferanten herummauschelt.
Haben Sie unternehmerisches Denken?
Ja.
Hassen die da unten Sie dafür?
Ja.
Freut sich wenigstens der Inhaber?
Tja.
Wenn er selbst gemerkt hat, dass die SchöneGelbeImmerGleicheButter GmbH noch im Rennen ist, dann nicht. Dann ist er stinksauer. Er hat schon vor Jahren gesagt, dass wir uns die nicht leisten können. Und wenn nicht er es gemerkt hat, dann werfen Sie den Lieferanten ja gar nicht erst raus.
Und warum nicht? Weil der Inhaber in diesem Fall nicht unbedingt recht hat, sondern nur unternehmerisches Denken.
Wenn Sie das Unternehmen aber operativ führen, werden Sie danach streben, recht zu haben. Von oben betrachtet und von unten betrachtet. Und diese Doppelrolle werden Sie im Leben nicht aus der Organisation herausbekommen.
Muss man übrigens auch gar nicht.
Als Inhaber hingegen nach der Perspektive der Mitarbeitenden zu streben, das muss man. Als Mitarbeitende nach der unternehmerischen, das auch. Die Dynamik abzuschaffen, die diese Spannung erzeugt, das nicht.
Denn dann haben wir entweder nie gute Butter, oder am Ende interessiert es auch unten niemanden mehr, mit welcher Butter wir den Hefezopf backen.
Und dann beschweren Sie sich, dass sich hier niemand dafür interessiert, Qualitätsarbeit abzuliefern.
Vielleicht fehlt ihnen ja das unternehmerische Denken. :)
*(Na, woher stammt das Zitat? Familie Józsa ist vom Raten ausgeschlossen :) - „Sagen Sie nicht so viel, teurer Freibeuter!“, flehte er zitternd, und vor Aufregung hickste er dreimal hintereinander, wovon ihm der Hut herunterfiel; als er danach greifen wollte, stolperte er darüber und riss beim Aufstehen auch den jungen Mann mit zu Boden. Erst nach langer Zeit und mit großer Mühe begriff er klar, was man ihm gesagt hatte, woraufhin er aus voller Lunge brüllte: „Hurra! Zwanzig Pfund bekommt der Betreffende also!.. Sagen Sie nicht hundert! Sie haben sich verhört! So viele Pfund gibt es nur in Rechenaufgaben! Aber zwanzig, die gibt es, oder es können auch vierundzwanzig sein! So viel habe ich schon gesehen!“)