Das Thema ist zeitlos, alle haben damit zu kämpfen, auf jeder Ebene, unabhängig von Machtposition, Funktion und Unternehmenskultur, ab 500 Mitarbeitenden sogar unabhängig von der Unternehmensgröße.
„Es reicht, wenn ich meine Arbeit gut mache. Wenn ich wirklich gute Chefs habe, merken die das schon von selbst.“
„Ich werde mich nicht einschleimen und mit meinen Erfolgen angeben. Wen es interessiert, der soll selbst hinschauen.“
„Solange es keine Pflicht ist, gehe ich auf keine einzige Veranstaltung. Das fehlte mir gerade noch.“
Kommt Ihnen bekannt vor?
Natürlich. Jeder kommt an diesen Punkt, aber nicht jeder kommt darüber hinweg. Dabei wäre es höchste Zeit, ein für alle Mal zu akzeptieren: Es ist egal, welche Chefin oder welchen Chef Sie haben - für Ihre Sichtbarkeit sind Sie selbst verantwortlich. Punkt. Nicht derjenige, der Sie nicht bemerkt.
Genauso wäre es gut zu akzeptieren, dass es völlig egal ist, ob wir über die 500, 1.500, 30.000 oder 150.000 Mitarbeitenden von Konzern A, B oder C sprechen: In großen Gruppen wirken exakt dieselben Kräfte. Dabei mag es kulturelle Unterschiede geben, aber die sind so gering, dass es völlig sinnlos ist, sich mit ihnen zu beschäftigen, solange Sie die Kräfte nicht kennen, die die Massen selbst bewegen. Die Massen, in denen auch Sie sich durchsetzen müssen.
Barabásis erfolgreichstes Buch, „Die Formel“, beschreibt von A bis Z alle Regeln, die Sie beherzigen sollten. Das Buch ist großartig. Ich finde seine anderen drei sogar noch anregender, aber dieses ist mit Abstand am leichtesten verdaulich, randvoll mit fantastischen Geschichten und Beispielen. Wenn Sie es also noch nicht gelesen haben: Fangen Sie endlich an.
Bis dahin schauen wir uns der Reihe nach an, was Sie aus den fünf Gesetzen des Erfolgs lernen können, wenn Sie an Ihrer Sichtbarkeit arbeiten wollen. Und verstehen Sie das bitte so, wie ich es meine - vorausgesetzt, Sie haben akzeptiert, dass Sie an Ihrer Sichtbarkeit arbeiten müssen, um erfolgreich zu sein.
I. Gesetz: Leistung zieht Erfolg nach sich. Ist Leistung aber nicht messbar, bestimmen Netzwerke den Erfolg
Und jetzt legen Sie die Hand aufs Herz und sagen sich: Na gut, dann betrifft mich das nicht, meine Leistung ist ja perfekt messbar. Wenn das wirklich so ist, haben Sie riesiges Glück und können auch ohne einschlägige Studie davon ausgehen, dass Sie eine von 0,0001 % der Stellen auf dem Arbeitsmarkt besetzen. Bei sehr vielen Mitarbeitenden versucht man, die Leistung individuell zu messen. Aber jemanden, dessen Leistung sich so messen ließe, dass wirklich alle wissen, dass sie allein seine ist und keinen anderen Einflüssen zu verdanken, finden Sie höchst selten. Oder eher gar nicht.
Barabási beschreibt das wunderbar, mit einem Beispiel besser als dem anderen: Nicht die Eliteschule macht Ihr Kind klug, sondern Ihr kluges Kind macht die Schule zur Eliteschule. Oder: Wenn Sie nicht gerade Leistungssport betreiben, ist es völlig sinnlos zu hoffen, dass allein Ihre Leistung über Ihren Erfolg entscheidet. Verstehen Sie mich nicht falsch: herausragende Leistung ist die Grundvoraussetzung. Aber von zwei annähernd gleichen Leistungen (und wie sollten sie annähernd gleich sein, wenn sie gar nicht messbar sind, nicht wahr?) gewinnt diejenige Person, die das stärkere Netzwerk hat.
Und verstehen Sie mich auch hier nicht falsch: Sich darüber aufzuregen oder zu schimpfen, ist absolut Ihr gutes Recht. Irgendwie ist es auch traurig, da bin ich ganz bei Ihnen. Trotzdem ist es eine von Netzwerkforschern tausendfach modellierte und bewiesene Tatsache, mit der zu streiten völlig sinnlos ist.
II. Gesetz: Leistung ist begrenzt, Erfolg ist grenzenlos
Auf dieses Gesetz wird am häufigsten verwiesen, wenn Sie Zukunftsforschern zuhören, denn hier kommt die berühmte Potenzfunktion ins Spiel. Und damit Sie es jetzt in Ihrem Kopf direkt neben der Sichtbarkeit verankern, denken Sie an einen Kollegen, der nervtötend jung nervtötend weit nach oben gekommen ist, und zwar so, dass Sie nur bei seinen ersten beiden Beförderungen überhaupt einen echten Grund dafür erkennen konnten. Dort deshalb, weil es da noch einen Zusammenhang gab, danach immer weniger.
Genau diese Leute fliegen die Potenzkurve hinauf. Ihnen schauen alle fassungslos hinterher, wie es denn noch höher gehen soll, wenn vor dem Büro längst kein Parkplatz mehr frei ist, auf den ihr Auto passen würde. Sie haben jetzt jemanden vor Augen, oder? :) Für Sie bedeutet das nur eines: Wer mit 42 Jahren CEO von 120.000 Mitarbeitenden wurde, ist nicht deshalb CEO geworden, weil sein IQ* auch nur einen Punkt höher ist als Ihrer. Sondern er hätte es genauso werden können, wenn seine Fähigkeiten UND seine Leistung exakt Ihren entsprächen. Er hat nur sein Netzwerk klüger aufgebaut, und deshalb haben mehr Menschen besser gesehen, was er eigentlich auf den Tisch gelegt hat.
III. Gesetz: Eignung x bisheriger Erfolg = künftiger Erfolg
Wenn Sie Probleme damit haben, die Gesetzmäßigkeiten der Sichtbarkeit anzuerkennen (nett formuliert, oder? Also wenn sich Ihnen schon beim Thema der Magen umdreht), dann wird dieser Punkt meiner Meinung nach am meisten wehtun. Es ist nichts anderes als der von Robert Merton beschriebene Matthäus-Effekt: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ (Matthäus 25,29). Davon haben auch wir damals schon an der Uni gehört, nur hat kein Mensch verstanden, warum.
Jetzt verstehen wir es. Wenn Sie also erfolgreich wirken, ziehen Sie weitere Erfolge an, unabhängig von Ihrer Leistung. Wenn Sie das Warum interessiert, googeln Sie „Preferential Attachment“ (bevorzugte Verknüpfung). Sie nutzen dieses Gesetz richtig, wenn Sie Ihre Beförderung mit großem Tamtam feiern lassen, auch wenn kein Cent mehr Gehalt damit verbunden war. Statt sich darüber aufzuregen und zu sagen: Das poste ich ganz sicher nicht auf LinkedIn, und neue Visitenkarten drucke ich auch nicht (gute alte Zeiten :) ), es ist ja nichts passiert.
Doch, es ist etwas passiert. Und wenn Sie das glauben, glauben es auch die anderen, aber nicht umgekehrt. Denn, wie auch die Kernbotschaft des Buches lautet: Erfolg - in diesem Fall Ihre Beförderung - handelt von den anderen, nicht von Ihnen. Davon, was sie darin sehen, nicht davon, was Sie darin sehen.
IV. Gesetz: Der Erfolg eines Teams beruht auf Vielfalt und Ausgewogenheit, die Lorbeeren erntet aber immer eine einzige Person
Die Prognosen zu den Gewinnern von Nobelpreisen führen zu einer Erkenntnis, mit der wir etwas anfangen müssen, und zwar nicht weniger als dass die Anerkennung für Teamarbeit nicht nach Leistung, sondern nach Wahrnehmung verteilt wird.
Den Erfolg eines Teams macht eindeutig die kollektive Intelligenz aus (die auch noch ein paar Artikel wert wäre, aber achten Sie aufs Wesentliche, das kommt jetzt:), die nicht mit dem Intelligenzniveau der Einzelnen korreliert, sondern von der Vielfalt und Ausgewogenheit des Teams bestimmt wird. ABER: Egal, wie das Team den Erfolg erreicht hat, die Lorbeeren erntet immer eine einzige Person. Im Klartext: Wenn wir zu viel Zeit (define zu viel, ja.. :)) ) im Schatten von jemandem verbringen, kann das unsere eigenen Erfolge überschatten.
Wenn Sie also vorankommen wollen, indem Sie immer da Tennis spielen, wo auch der Chef spielt, schadet es nicht, ab und zu auf Inlineskates umzusteigen. Denn nach ein paar Jahren werden Sie unweigerlich nur noch als sein Schatten wahrgenommen. Es ist völlig in Ordnung, einen Mentor zu haben, ein Vorbild, eine Führungskraft, die Ihnen hilft, sich zu entfalten. Aber Ihre Aufgabe ist es, das Spektrum Ihrer eigenen Leistung mit der Zeit breiter aufzuspannen als seines. Verstehen Sie auch etwas von Dingen, von denen andere nichts verstehen. So schaffen Sie es heraus aus der Rolle als rechte Hand von XY. Was, das sei hinzugefügt, eine gute und nützliche Rolle ist. Bleiben Sie nur nicht darin hängen!
V. Gesetz: Wenn wir dranbleiben, kann der Erfolg jederzeit kommen.
Zum Schluss ein Gesetz, das Sie selbst dann friedlich lächelnd lesen werden, wenn Sie das ganze Thema inzwischen wirklich hassen - auch wenn Sie es erst langsam glauben, jetzt, wo Wissenschaftler es sagen, und zwar nicht von der Sorte „Britische Forscher haben herausgefunden“. Ein Wissenschaftler hat eine Chance von etwa 13 %, den einflussreichsten Artikel seines Lebens in den ersten drei Jahren seiner Karriere zu schreiben. Diese Chance bleibt in den ersten zwei Jahrzehnten in etwa gleich, nach zwanzig Karrierejahren sinkt sie jedoch dramatisch.
Und falls Sie sich jetzt zurückgelehnt haben und, auf die fünfundvierzig bis fünfzig zugehend, wehmütig vor sich hin brummen: Hören Sie auf damit. Denn man hat herausgefunden, dass die Chance auf einen wissenschaftlichen Durchbruch nicht deshalb so dramatisch sinkt (nach 30 Karrierejahren unter 1 %!!), weil der jeweilige Wissenschaftler weniger kreativ, klug oder genial wäre als früher.
Sondern weil er weniger produktiv ist. Er publiziert schlicht viel weniger. Im Klartext: Würde er dranbleiben und genauso viel produzieren wie früher, hätte er exakt die gleiche Chance auf einen wissenschaftlichen Durchbruch. Oder wie Barabási und sein Team es formulieren: Wenn wir dranbleiben, kann der Erfolg jederzeit kommen.
Wenn Sie also bisher gedacht haben, das ganze Thema Visibility und Sichtbarkeit sei etwas für Selbstdarsteller, weil das Leben Ihre Leistung ohnehin an den richtigen Platz stellt - dann lagen Sie falsch.
Wobei: Damit, dass es sie an ihren Platz gestellt hat, lagen Sie nicht falsch.
Nur ist dieser Platz ein anderer als der in Ihrem Kopf.
*Das IQ-Beispiel habe ich übrigens ganz bewusst gewählt, denn als ehemaliges Mensa-Mitglied ist es mein großer Liebling, so sehr es in den letzten zehn Jahren auch Mode geworden ist, seine Daseinsberechtigung infrage zu stellen. Barabási schreibt dazu Folgendes, und auch in seinen anderen Büchern verweist er oft darauf: „Der Intelligenztest ist, so viel auch über ihn gestritten wird, bis heute der beste Weg, die künftigen wissenschaftlichen oder beruflichen Erfolge eines Menschen vorherzusagen. (...) Jedenfalls spiegelt der IQ-Test bis heute am besten wider, wie wir an modernen Arbeitsplätzen Probleme lösen.“