Und wo arbeiten Sie?

Nehmen Sie bitte ein Blatt Papier (wetten, es ist kariert!) und schreiben Sie in die erste Spalte 5 Freunde und darunter 5 Familienmitglieder.

Dann notieren Sie in der 2. Spalte daneben, WO sie arbeiten.  

Und jetzt nehmen Sie sich eine 3. Spalte und schreiben schön ordentlich auch dazu, WAS sie arbeiten. 

Hmm.

Na?

Unangenehm.

Und so, wie dieses Jahr aussieht und wie sich die Erwartungen an die Zukunft in den Köpfen entwickeln, wäre es immer sinnvoller, sich auf diese zweite Spalte zu konzentrieren. Wäre auch bisher schon super gewesen, haben wir aber nicht gemacht.

Und wenn wir ganz ehrlich in uns gehen, haben wir es weder als Menschen getan noch als Arbeitgeber. Die Frage „Wo arbeiten Sie?“ WAR bisher völlig alltäglich. Seit März hört man immer öfter die Antwort: in der Küche. In der ersten Woche ist das noch ein Witz, in der zweiten schon weniger, und nach sieben Monaten sieht man immer deutlicher, dass es in den Köpfen eine bleibende Veränderung bewirkt.

Denn viele von uns wussten nicht einmal von sich selbst, WAS wir arbeiten, sondern nur, wo. Und das „wir“ ist hier zum Glück wirklich rhetorisch, denn ich persönlich arbeite schon seit etwa fünf Jahren in der Küche, insofern hat mir 2020 da nichts Neues gebracht. Wer aber dieses Jahr damit angefangen hat, für den umso mehr.

Von Tag zu Tag fällt an immer mehr Stellen auf, was wir eigentlich arbeiten. Das WO hat es bisher wunderbar verdeckt. Wenn ich es zuspitzen wollte (als ob ich so etwas je täte :D), könnten wir vermutlich auch unseren eigenen Namen auf die Liste oben schreiben. In den letzten zwei Jahrzehnten haben Unternehmen mit unermüdlichem Einsatz Geld säckeweise, Millionen- und Milliardensäcke voll, in die Perfektionierung der verschiedensten Elemente der missverstandenen Employee Experience gesteckt. 

Dann kam Corona, und alle sind brav nach Hause gegangen. Und in dieser Küche fehlt einem dann doch ganz schön

der ergonomische Sessel der 2005er-Jahre nach dem Motto „alles grün oder blau statt grau“

der Wandschmuck der 2010er-Jahre nach dem Motto „Heimtrainer ins Firmencafé und Surfbrett in den Besprechungsraum namens Los Angeles!“ oder auch

die Initiativen der 2015er-Jahre nach dem Motto „montags nach dem Yoga gesundes Frühstück auf der Terrasse“. 

Ob es uns damit besser ging, wissen wir natürlich nicht. Aber dass das alles jetzt tierisch fehlt, das wissen wir sehr wohl. Das gesunde Frühstück müssen Sie selbst machen und danach auch noch abspülen. Das Surfbrett müssen Sie selbst an die Wand dübeln, und vom Heimtrainer erst einmal die Spinnweben entfernen, bevor Sie sich draufsetzen. Nur ist nichts davon besonders lebensnah.

Der noch schmerzhaftere Teil der Frage ist allerdings, wie offensichtlich jetzt geworden ist, wie wunderbar diese Kirschen auf den kleinen Sahnehäubchen die Torte selbst verdeckt haben. Dass jemand, der dachte, einen trendigen Job zu haben, gerade erst merkt, dass dieser trendige Job 110 Minuten am Tag ausmacht, wenn man den Timetracker mitlaufen lässt (wenn Sie jetzt zweifeln, probieren Sie es aus, es wird wehtun :) ), und dass er davon 65 Minuten lang nach vorgegebenen Regeln auf verschiedenen SAP-Oberflächen herumklickt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das war auch vorher schon verdammt genau so. 

Es ist nur nicht aufgefallen.

Aber wenn Sie in Ihrer Küche sitzen und es weder Surfen in Los Angeles noch Schnittlauch-Omelett mit dem CEO auf der Terrasse gibt, dann tut es doch etwas mehr weh als früher. Selbst wenn es dafür 830k Forint brutto gibt und Sie sogar noch Ihr Auto auf Firmenkosten volltanken dürfen. Falls Sie irgendwohin fahren würden.

Tun Sie aber nicht. Vor allem nicht dieses Jahr, und vor allem auch nächstes Jahr nicht, wenn wir 2020 schon als die gute alte Zeit bezeichnen, weil damals wenigstens im Januar und Februar noch Frieden war. Und Omelett gab es auch. 

Drehen wir die Frage doch einfach mal um. Um 2017 herum habe ich in einem Beitrag, den ich jetzt zu faul bin herauszusuchen, geschrieben, dass die Mitarbeitenden für die Employee Experience verantwortlich sind, nicht der Arbeitgeber. 

Dazu stehe ich.

Genauso wie dazu, dass Sie kein Surfbrett an der Wand brauchen, wenn Ihre Arbeit sinnvoll ist. Also 

- Was können Sie jetzt tun, damit es Ihnen in Ihrer Küche besser geht?

- Welche Arbeit würden Sie gern machen, bei der Ihnen weniger Zeit bliebe, das Omelett zu vermissen?

- Wie könnten Sie mehr davon in Ihre Rolle hineinzaubern?

- Was von Ihren aktuellen 110-200-600 Minuten mögen Sie nicht? Gibt es jemanden, von dem Sie wissen, dass er genau das gern macht? Wie könnten Sie tauschen?

Et cetera.

Raum für Proaktivität in Organisationen gab es auch bisher schon, nur existiert der Begriff laut Google leider gar nicht, so wenige verwenden ihn. Dabei irrt Google, genauso wie es bis heute so manches ungarische Slangwort nicht kennt. Glauben Sie mir: Das Phänomen an sich, dass man durchaus bereit ist, Ihre Rolle anzupassen, wenn Sie bereit sind herauszufinden, was genau Sie eigentlich machen möchten, gibt es an viel mehr Orten als dort, wo man den Begriff selbst verwenden würde. Gott bewahre, dass man den eigenen Leuten das auch noch beibringt.

Sorgen Sie also selbst dafür, dass Sie eine Rolle haben, die Sie auch von der Küche aus gern ausfüllen. Glauben Sie mir, außer Ihnen interessiert es keinen Menschen, was Sie machen. Wie das nicht ganz so wissenschaftliche, dafür aber umso spannendere Experiment oben wunderbar beweist.

Nicht, weil Sie nicht wichtig wären, sondern weil das WAS nie so wichtig war wie das WO. 

Aber damit ist es jetzt vorbei. 

Und WAS arbeiten Sie?

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