Wäre ich noch einen Tick mutiger, hätte ich den Artikel auch so nennen können: Alle Kompetenzen sind zukunftssicher, außer EQ.

Auf dem diesjährigen HRFEST, der großen HR-Konferenz in Ungarn, inzwischen mit mehr als 1500 Teilnehmenden, haben wir wieder einmal viel darüber gesprochen, wie man für die Zukunft entwickeln kann. In zahlreichen Podiumsdiskussionen und Vorträgen ging es darum, was wir tun müssen, um zukunftssichere Kompetenzen zu entwickeln. 

Meiner Meinung nach übrigens: nichts.

Zukunftssichere Kompetenzen gibt es nicht. 

Zum Glück gibt es aber Menschen, die optimistischer sind als ich: Schaut man sich den Report des World Economic Forum an, stehen für 2015 und für 2025 praktisch dieselben Kompetenzen oben auf der Liste. Demnach ist also fast jede Kompetenz zukunftssicher.

Zukunftssichere Kompetenzen gibt es nicht.

Zukunftssichere Kompetenzen gibt es nicht.


Viele Skills wurden zwar umformuliert oder aus zweien wurde einer gemacht, aber wenn man genauer hinschaut, ist, abgesehen vom Auftauchen und anschließenden Verschwinden des EQ,  genau gar nichts passiert. 

Wenn wir also ganz schön und durchdacht zusammenfassen wollen, was man laut den klugen Köpfen über zukunftssichere Kompetenzen wissen muss, dann das: Alles, was man damals für zukunftssicher hielt, hält man auch heute dafür, mit einer einzigen Ausnahme, der emotionalen Intelligenz.

Die lassen wir dann eben weg, eine Sorge weniger. 


Wir haben keine Ahnung, was in Zukunft gebraucht wird.

Diesen Videoausschnitt hat ChatGPT herausgesucht, mit dem ich mich beim Schreiben unterhalten habe. Warum? Weil ein Artikel, für den ich vor zehn Jahren 60 Minuten gebraucht habe, heute maximal 30 dauert, denn ich muss mich nicht mehr mit so einem Unsinn wie YouTube-Durchstöbern aufhalten. Ist das, womit ich das mache, eine neue Kompetenz? 

Von wegen.

Es ist dasselbe Complex Problem Solving, das ich seit zweiundvierzig Jahren nutze (heute ist mein Geburtstag!!:) ). 

Viel spannender finde ich an der ganzen Frage, welche Kompetenz man wann und womit entwickeln kann. Und genau darüber reden wir eigentlich nicht. Stattdessen stürzen wir uns auf alles, was uns über den Weg läuft, in dem Wissen, dass ein Kreativitätsworkshop noch niemandem geschadet hat. Ob jemand dadurch kreativer geworden ist - das wissen wir übrigens nicht. 

Dank der Neurowissenschaft sind wir um ein paar Infos zur Neuroplastizität klüger geworden. Wir wissen und verstehen also: Wenn wir bisher gern gelernt haben, tun wir gut daran, nicht damit aufzuhören. Aber eigentlich haben wir keine Ahnung, was mit jemandem ist, der

- nicht gern lernt
- sich nicht dafür interessiert, wie er effizienter arbeiten könnte (weil er mit gesünderen Antreibern aufgewachsen ist:)) )
- sich nicht für Technologie begeistert
- nicht gern Bücher liest
- keine neuen Impulse mag, 

was fangen wir mit dem an? Wie bringen wir ihn dazu zu glauben, dass es DOCH Sinn hat und dass es DOCH selbst mit neunzig noch unglaublich gut fürs Gehirn ist, wenn man lernt. Egal was. Und wissen Sie, warum egal was? 

Weil keiner von uns weiß, was nächstes Jahr gebraucht wird.

2019 wussten wir nicht, dass wir 2020 online verhandeln müssen und dabei die Leute auf unserer eigenen Seite genauso sehen und wahrnehmen wie die Gegenseite. Warum das ein Problem ist?

Weil Sie bisher sämtliche Verhandlungstrainings der Welt unter der Annahme absolviert haben, dass Sie sich mit jemandem einigen wollen, der Ihnen gegenübersitzt, und dass neben Ihnen sitzt, wer auf Ihrer Seite ist.

Online ist das nicht so. Wenn Sie also etwas sagen, sehen Sie gleichzeitig, wie es im Gesicht Ihres Kollegen zuckt und im Gesicht der Gegenseite. Und eine Minute später sind Sie an dem Punkt, an dem Sie aus der Mimik Ihrer rechten Hand Feedback zu Ihrem eigenen Verhalten ablesen wollen, obwohl der gar nicht die Gegenseite ist.

Sondern der, den Sie seit zehn Minuten nicht mehr angeschaut haben. 
Muss man lernen, so zu verhandeln?

Klar.

Ist das ein Skill? Weiß der Himmel. Jedenfalls ist es eine Kompetenz, die 2019 nicht gebraucht wurde und heute überlebenswichtig ist. 
Und das ist eine von siebzig. 
Lässt sie sich entwickeln? Ja. Man sollte sich also asap damit beschäftigen, falls Sie das noch nicht getan haben.* Und sie steht nicht auf der Liste.

Auf diesen Listen steht dafür jedes Jahr, sagen wir, Critical Thinking. Aber ich bitte Sie. 

Wissen Sie, was Critical Thinking ist? 
Die Fähigkeit, etwas infrage zu stellen.
Wissen Sie, wer etwas infrage stellen kann?
Wer selbstbewusst (verblendet, überheblich, nennen Sie es, wie Sie wollen) genug ist, um davon auszugehen, dass die eigene Meinung genauso viel wert sein kann wie die des Weltwirtschaftsforums. Wer weiß, dass ihm nichts passiert, wenn andere seine Meinung nicht teilen. Weil er trotzdem liebenswert ist.
Heißt das Critical Thinking? 

Nein.  Das heißt Selbstbewusstsein. 

Kann man Selbstbewusstsein in Workshops entwickeln? 

Natürlich nicht. 

Kann man es im Erwachsenenalter entwickeln? 

Ein bisschen sicher schon. Zum Beispiel mit ein paar Jahren Therapie. Ist es also unsere Aufgabe, es zu entwickeln? Na ja, schon. Nur nicht als Coach, nicht als HR, nicht als Beratung. Sondern als Eltern, denn zu 95 % sind wir dafür verantwortlich, was aus unseren Kindern am Ende wird. 

Und als Coaches entwickeln wir das, was sich im Erwachsenenalter entwickeln lässt. Egal, ob es auf der Liste steht oder nicht.


*(info@y2y.hu, Training für Online-Verhandlungstechnik, vielleicht bis Ende November, aber Januar wäre noch besser..:)) )


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