Trotzdem war ich schon am Meer in einer knallharten Spielbank, die als harmlose Spielhalle angefangen hatte, ich war auf Firmen-Weihnachtsfeiern, bei denen HR als Überraschung ein Casino für die Belegschaft organisiert hatte, und sogar auf Geburtstagen waren schon Black Jack, 17 und 4 oder Roulette die Attraktion.
Jedes Mal hat mich schockiert, wie sehr Menschen in solchen Situationen aus der Rolle fallen. Furchtbar ist es zum Beispiel, die völlige Resignation eines gerade volljährig gewordenen Jungen zu sehen, der von Tisch zu Tisch zieht, das Ergebnis seines Einsatzes gar nicht erst abwartet und einfach zum nächsten Tisch geht. Es lässt ihn kalt, wenn er gewinnt, und auch, wenn er verliert.
Abgestoßen hat mich, wie ansonsten kluge Menschen kopflos ihre Mitspielenden am Tisch beiseitegeschubst haben, weil sie dachten, wenn einmal das Pokerblatt gekommen ist, dann kommt es auch in der nächsten Runde.
Und trotzdem schreibe ich jetzt über Roulette.
Sie stehen am Roulettetisch, vor Ihnen ein Stapel Jetons, sagen wir genau so viele, wie es Zahlen auf dem Tisch gibt, also siebenunddreißig. Ein paar Runden lang beobachten Sie, was am Tisch passiert. Schon dreimal kam Schwarz, also kommt jetzt garantiert Rot. Sie setzen also ein paar Jetons auf Rot. Etwas weniger als die Hälfte der Roulettespielenden setzt übrigens auf Rot (27 %) oder Schwarz (23 %), Rot ist dabei etwas beliebter (genau wie gerade bei Ihnen). Eine Stufe weniger beliebt, aber immer noch unter den sichereren Tipps sind Gerade/Ungerade oder Niedrig/Hoch, das macht etwa 30 % der Einsätze aus. Auf die 7 und die 17 entfallen gut 3 bis 5 %, die Null wählen 2 bis 4 %, und alle anderen Einsätze sind irgendeine Variante der übrigen Möglichkeiten.
Aber es kommt nie, wirklich nie vor, dass jemand auf alle Zahlen gleichzeitig setzt, nicht einmal auf, sagen wir, zwei Drittel der Zahlen.
Setzen Sie Ihre gesamten Jetons auf alle Zahlen? Auf 37 Felder? Natürlich nicht!
Sie setzen auf das, wovon Sie glauben, dass es Ihnen etwas bringt.
Logisch.
Die Soft-Skill-Weiterbildung in Unternehmen ist übrigens auch ein Roulettetisch. Da stehen Sie und wissen, dass entwickelt werden sollte. Ein bisschen das hier, ein bisschen das da, und vielleicht würde auch jenes noch etwas bringen. Und Sie entwickeln hier ein bisschen dies, dort ein bisschen das und da drüben ein bisschen jenes. Und was passiert? Genau wie am Roulettetisch. Wenn Sie auf jede Zahl einen einzelnen Jeton gesetzt haben, also insgesamt siebenunddreißig, dann gewinnen Sie mit einem davon. Wie viel? Sechsunddreißig - denn einer bleibt bei der Bank (die 0 ist nämlich der Vorteil der Bank, um so viel höher ist die Gewinnchance des Casinos).
Kein guter Deal also.
Beim Roulette bekommen Sie mit dieser Strategie genau einen Jeton weniger zurück, als Sie eingesetzt haben. Bei der Weiterbildung, tja, wer weiß.
Denn vielleicht ist Jörg ein bisschen besser im Konfliktmanagement geworden und Bernd in der strategischen Planung, aber die Organisation als Ganzes hat bei nichts einen echten Sprung nach vorn gemacht.
Wählen Sie also nächstes Jahr lieber Rot. Oder Schwarz, egal. Setzen Sie ordentlich Jetons darauf und schauen Sie, was daraus wird. Wählen Sie einen Skill aus, wenn es sein muss zwei, aber dann genau die zwei, die der Schlüssel zur Umsetzung Ihrer Geschäftsstrategie sind, ohne die es nicht gehen wird. Und darauf setzen Sie einen großen Teil Ihrer Ressourcen. Und nein! Schicken Sie nicht die ganze Organisation durch ein eintägiges Konfliktmanagement-Training! Sondern erstellen Sie Profile Ihrer Mitarbeitenden und schauen Sie, wer wie am besten lernt.
Für manche ist das eintägige Training die beste Lernform, andere merken beim Teambuilding mitten im Wald, dass sie ihre Konflikte nicht gerade am effektivsten lösen. Wieder andere entdecken in einem Buchclub, dass es im Konfliktmanagement noch ganz andere Horizonte gibt als die, die bisher in ihrem Wortschatz vorkamen. Wenige, aber es wird sie geben, erschließen sich neues Wissen am besten im Blended-Format, auch beim Thema Konfliktmanagement. Und wieder andere kommen in ihren eigenen Teams, mit ihren eigenen echten Konflikten, wirklich voran. Es geht verdammt noch mal nicht darum, dass die Botschaft alle „gerechterweise“ über dasselbe Instrument erreicht, sondern darum, dass dieselbe Botschaft ankommt. Die, mit der Ihr Unternehmen den großen Gewinn macht.
Viel Glück!
PS: Ich bin ja nicht völlig bescheuert, ich habe nicht gesagt, dass in Ihrem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitenden alle dasselbe lernen müssen. Aber auf Ebene einer Organisationseinheit kann man sehr wohl sagen: Wir im Einkauf müssen vor allem in Verhandlungstechnik einen großen Schritt machen, weil in unserer Strategie steht, dass wir die Einkaufspreise trotz der aktuellen Inflation um 10 % senken müssen. Und wir im Marketing müssten uns in Sachen Generation Z fit machen, weil unsere Geschäftsstrategie vorsieht, dass wir unsere Reichweite bei den 20- bis 30-Jährigen verdoppeln, und dafür müssen wir die Zielgruppe besser verstehen.