Utopie, Zukunft oder Gegenwart?

Seit sieben Jahren kämpfen wir Seite an Seite mit vielen anderen für einen transparenten Arbeitsmarkt, aber in diesem Herbst haben wir zum ersten Mal wirklich das Gefühl, dass sich da vielleicht, ganz langsam, etwas bewegt. Letzte Woche konnten wir uns in Paris ansehen, was unsere nächsten Jahre prägen wird.


Hier die paar Begriffe, die wir in mindestens zehn verschiedenen Vorträgen, Panels, an Ausstellerständen und im Product Placement gehört haben:

- Überraschung, Überraschung: Mit riesigem Abstand vorn liegt „Skill-based Hiring“. Jetzt ist das wirklich die Zukunft, oder zumindest würden viele darauf wetten. 


Wie sieht ein durchschnittlicher Auswahlprozess heute aus?


Sie lesen eine Stellenanzeige, schreiben Ihren Lebenslauf, schicken ihn ab, er wird gesichtet (mal von Menschen, mal von Robotern), und wenn Sie die passende Ausbildung und Berufserfahrung mitbringen, werden Sie zum Interview eingeladen, wo Sie, falls Sie sympathisch rüberkommen, danach noch einen Test schreiben, vielleicht werden Sie aber auch zu einem AC oder einer Fallstudie eingeladen, wo bestimmte Fähigkeiten geprüft werden, dann folgen noch ein paar Interviewrunden mit Ihrer künftigen Führungskraft, mit deren Führungskraft, im besten Fall auch mit Ihrem künftigen Team, und schon steht die Entscheidung, ob man Sie für geeignet hält, die Position zu besetzen.


Und das alles in einem Umfeld, in dem immer noch Fachkräftemangel herrscht. Na, danke auch.


Genau diesen bis ins Unendliche verkomplizierten Prozess würde Skill-based Hiring mit einem Schlag über den Haufen werfen. Sie schreiben überhaupt keinen Lebenslauf, sondern wir springen direkt zum Test der vorab definierten Skills, die für die Erledigung der Aufgabe (nicht der Position) nötig sind - mit welchem Werkzeug auch immer. Und frühere Berufserfahrung, Abschlüsse und dergleichen interessieren überhaupt nicht. Wir alle kennen schließlich jemanden, der öfter an der Uni vorbei als in die Uni gegangen ist und trotzdem einen Abschluss hat - und der nicht von dem lebt, was er dort gelernt hat, sondern von dem, was er nebenher gelernt hat. Es zählt also nicht das Papier, sondern das Können.


Das klingt ehrlich gesagt ziemlich gut, gerade wenn man langsam auf die Midlife-Crisis zusteuert: Auch wenn ich bisher Führungskräfteentwicklerin war, kann ich immer noch Innenarchitektin werden, wenn ich schöne Räume entwerfe.


Und jetzt kommt der Haken. Denn auch wenn die UNLEASH voll war mit hundert Arten von Lernplattformen und Apps, auch wenn alle Bücher, Vorträge, TED-Talks und was auch immer auf dieser Welt auf unserem Handy verfügbar sind: Das bringt alles nichts, wenn wir nicht lernen. Aber, aber, Sie lernen ja, klar. Und ich halte meine Diät vom 1. bis zum 10. Januar, Ehrenwort.


Denn laut einer Analyse der BCG (basierend auf Studien von OECD, UNESCO und Statista) verbringen wir im Schulsystem durchschnittlich 1.195 Stunden pro Jahr mit Lernen, und nach dem Schulabschluss sinkt das drastisch auf … Achtung, jetzt kommt's … 35 Stunden.


Pro Jahr.

Fünfunddreißig Stunden.

Das sind anderthalb Tage.


Und das in einer Zeit, in der die Hälfte unseres Wissens alle fünf Jahre an Relevanz verliert, weil es nicht mehr aktuell ist. Fragen Sie mal die Entwicklerinnen und Entwickler, die vor drei Jahren mit Top-Abschluss und  Scala im kleinen Finger fertig wurden und heute mit der Lupe nach einem Unternehmen suchen, das so etwas noch sucht. Ab in die Tonne.


In diesem Umfeld verbringen wir also durchschnittlich 35 Stunden mit Lernen, während Skill-based Hiring Einzug hält: Dann zählen weder das Informatik- oder Elektrotechnikdiplom von der Top-Uni noch die fantastische Programmiererfahrung in einer veralteten Sprache, sondern nur das, was Sie in den letzten fünf (einem? zwei?) Jahren gelernt haben.


Wenn Ihnen also immer öfter die Begriffe Upskilling und Reskilling begegnen, dann ist das nicht der nächste Bullshit, sondern die Waage, auf die Sie gerade gestiegen sind, und die Ihnen sagt: Halten Sie Ihre Diät, auch wenn Sie nicht programmieren! 

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Führungskräfteentwicklung

Führung ist keine Rolle, sondern Verhalten. Programme von der ersten Führungsrolle bis zur Geschäftsleitung.

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