Uns geht's heute ja wirklich gut. Ich höre Sie schon grummeln, und klar, Sie haben ja recht.

Denn an sehr vielen Orten sind wir tatsächlich ganz schön verwöhnt. Bei immer mehr Unternehmen ist zum Beispiel das Sabbatical in Mode, inzwischen auch bei uns in Ungarn. Immer mehr Menschen nehmen sich eine längere Auszeit.

Der halb oder komplett ausgebrannte Mitarbeiter nimmt sich drei Monate frei, restauriert in der Garage einen Oldtimer oder läuft den Jakobsweg sechsmal hin und zurück. Wie auch immer: Er hat ein ruhiges Vierteljahr, in dem er sogar sein Gehalt bekommt. Gut für das Unternehmen und gut für den Mitarbeiter, oder? 

Schließlich: 

Endlich kann er sich mal richtig erholen.

Endlich kommt er wieder motiviert zur Arbeit.

Endlich leuchten seine Augen wieder.

Tja, dafür haben Sie keinerlei Beweise.

Für das Gegenteil dafür jede Menge.

Deshalb verstehe ich absolut nicht, warum Sie das machen. Warum man es als Mitarbeiter macht, das verstehe ich ja noch: drei Monate in der Garage an einem Oldtimer schrauben, cool. Wobei es in unserer Garage drei Monate dauern würde, bis Sie das Auto überhaupt gefunden hätten, aber es gibt ja auch längere Sabbaticals. 

Aber warum Sie als Arbeitgeber glauben, dass Lajos danach wieder so wird wie früher, das ist mir wirklich schleierhaft. Beziehungsweise: Er wird schon wieder wie früher, klar. Zwei Wochen lang leuchten seine Augen, dann zwei Wochen lang nicht. Dann dreht er drei Tage lang auf wie ein Brummkreisel, und dann kommt drei Tage lang die Schneckenversion. 
Weil Lajos normal ist.

So funktionieren wir alle. Wir haben schon früher darüber geschrieben, dass menschliche Motivation langfristig ganz und gar nicht so funktioniert, wie man lange geglaubt hat. Zumindest nach den Forschungen der klugen Köpfe aus den letzten zehn Jahren ganz und gar nicht. Und wenn Sie damals auf mich gehört haben, dann hören Sie seit einem halben Jahr die Podcasts von Neurowissenschaftlern und lesen deren Bücher und Studien.

Und aus der Fachsprache in normales Deutsch übersetzt: Sie wissen, dass Ihr Dopaminspeicher, wenn Sie ihn erschöpft haben, Zeit braucht, um sich wieder aufzufüllen.

Und wenn Sie ständig, an jedem Tag, den der Herrgott werden lässt, alles dafür tun, um abends leer zu sein, dann wird das Auffüllen immer schwieriger. Und es ist völlig egal, ob Sie ihn mit Videospielen plattgemacht haben oder mit fünf erfolgreichen Verhandlungen am Tag. So oder so kommt der Zustand, den man Burnout nennt und über den man trefflich streiten kann, womit er sich behandeln lässt und womit nicht. 

Aber dass es mit einem Sabbatical nicht geht, das steht fest.

Denn ein durchschnittlicher dreimonatiger Urlaub hat zwei zugespitzte Varianten:

Am einen Ende der Skala sind die drei Monate einfach wunderbar: Sie tanken auf, genießen, streifen umher, bekommen jede Menge neue Impulse, reisen um die halbe Welt. Und dann fallen Sie, randvoll aufgeladen, zurück in den Arbeitsalltag. In den Zustand, den man auf gut Neudeutsch „dopamine depletion“ nennt, eine vernünftige Übersetzung gibt es dafür leider nicht. Dass es auf Ungarisch nicht einmal einen Fachbegriff dafür gibt, sagt übrigens viel darüber aus, wie gut wir uns mit dem Thema auskennen, ja.

Sie steigen also wieder ins Hamsterrad, und siehe da: Schon nach drei Tagen leuchten Ihre Augen nicht mehr. Aber warum sollten sie auch? Sie haben in Ihren Alltag ja rein gar nichts eingebaut, wodurch die Dopaminbahnen in Ihrem Gehirn zu einem anderen Ergebnis kämen. Sie gehen morgens nicht in die Sonne, nicht an die frische Luft, Sie trainieren nicht ohne Musik, um Ihrem Gehirn Zeit zu geben, ohne die vielen übereinandergestapelten Belohnungen auszukommen, Sie haben nicht aufgehört, Schokoladenstückchen zu essen, die Ihnen fünfzehnsekündige Dopaminspitzen bescheren (ich hoffe, Sie haben jetzt wenigstens das eine Stück wieder ausgespuckt!!:))) ), und so weiter. Hat sich also etwas verändert? Nein.

Am anderen Ende der Skala gehen die drei Monate grandios schief. Denn das Sabbatical hat Sie zwar von 8 Stunden Arbeit am Tag befreit (oder vier, oder zwölf, fühlen Sie sich nicht angesprochen, ist völlig egal), aber die übrigen 16 Stunden des Tages sind ja geblieben. Und in der zweiten Woche Ihrer Mega-Auszeit merken Sie: Nein, Sie können nicht zwölf Wochen lang in Bolivien auf Berge klettern, denn Ihr Sohn ist vier, und Ihre liebe Frau sucht sich in der vierten Woche einen weniger Ausgebrannten als Sie. Völlig zu Recht. Also bleiben Sie zu Hause und basteln in der Garage an Ihrem Auto herum, aber davon tut Ihnen der Rücken weh, und eigentlich freuen Sie sich schon ein bisschen darauf, wieder arbeiten zu gehen. Dann gehen Sie zurück und stellen fest: Das Auto ist nicht fertig, in der Firma ist auch nichts passiert, und Ihr Sabbatical ist vorbei. Hat sich also etwas verändert? Nein.

Ja, hat ein Sabbatical dann überhaupt keinen Sinn? Oder ein langer Urlaub? 

Doch, natürlich. Aber nicht für sich allein.

Sinn hat es dann, wenn Sie auch in Ihrem Alltag jeden einzelnen Tag bewusst etwas dafür tun, dass Ihr Dopaminspiegel stimmt. Denn dann können Sie Ihr Grundniveau auch langfristig anheben, mit einem gut aufgestellten Leben, zu dem eben auch Urlaub gehört. Aber solange Ihr Tagesrhythmus, Ihre Ernährung, Ihr Arbeitstempo, Ihr Training, die Zeit mit Familie und Freunden, Ihr Alkoholkonsum, all diese Lifestyle Choices (ich hab ja gesagt, dass uns Ungarn dafür die Worte fehlen, sehen Sie? Wie sagt man das bloß auf Ungarisch?) nicht in Ordnung sind, so lange brauchen Sie rein gar nichts davon zu erwarten, wenn Sie in den Urlaub fahren.

Ob für drei Tage.

Oder für drei Monate.

Wobei ich auch nicht glaube, dass Sie auf die Idee kämen, eine miserable Theateraufführung aufzupeppen - mit einer hervorragenden Pause. 

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