Jetzt wird es oberlehrerhaft, sorry. Ich bin sauer.
Im Artikel wieder der übliche Hype: was für Fortschritte wir machen, zu welch verblüffenden Ergebnissen wir fähig sein werden, sobald wir unsere Komfortzone verlassen. Was genau darin besteht, alles hinter uns zu lassen und an einen exotischen Ort zu reisen, am besten allein. Unterwegs können wir Berge besteigen, pilgern, mitten im Dschungel in der Hängematte schlafen, und fertig. Schon sind wir raus aus der Komfortzone.
Wie muss man sich das vorstellen? Dieser schöne rote Kreis, das ist Ihre Komfortzone, und das grüne Rechteck drumherum ist das Gelände, auf dem Sie, sobald Sie den Fuß daraufsetzen und endlich aus dem roten Kreis herauskommen, dann, ja genau dann, wachsen werden.
Dort geschieht dann das Wunder, dort verändert sich plötzlich alles, und Ihnen wachsen Flügel. Ach, bitte.

Ähnliche Grafiken begegnen einem übrigens ziemlich oft, sogar in der Fachliteratur. Nur wird dort manchmal doch etwas mehr erwartet, als für zwei Monate irgendwohin weit weg zu fahren.
Ich habe damit gleich mehrere Probleme, genau gesagt 3.
1. Die Komfortzone ist nicht da, wo es eine Heizung gibt.
Sie kommen nicht aus ihr heraus, indem Sie flüchten oder irgendwo zelten, wo es kein warmes Wasser gibt. Ganz und gar nicht. Oder indem Sie kündigen und alles stehen und liegen lassen. In dem Fall verlassen Sie meistens nicht Ihre Komfortzone, sondern nur Ihren gesunden Menschenverstand.
Außerdem beginnt die Komfortzone bei jedem woanders. Zu meiner würde es zum Beispiel ausdrücklich gehören, sechs Wochen mutterseelenallein irgendwo in einem Dschungel zu zelten. Also glauben wir bitte nicht, dass Sie, nur weil Sie beschließen, 22 Tage lang in Afrika von Thunfisch aus der Dose zu leben (haben wir schon ausprobiert, nicht wahr, Dodó? :) Anm. d. Red.), oder weil Sie die Wanderschuhe schnüren und den Inka-Pfad gehen, sofort riesige Fortschritte in Ihrem Leben machen.
Werden Sie nicht. Sie werden sich wohlfühlen, Sie werden tausendundein großartige Erlebnisse haben, also machen Sie es. Unbedingt. Aber davon irgendeine bleibende innere Entwicklung zu erwarten, tja. Sagen wir: optimistisch. Und da war ich noch höflich. Lebenserfahrung, einen bunteren Blick auf die Welt, Flexibilität, neue Freunde, Abenteuer, das können Sie bekommen. Aber das alles hat nichts mit Ihrer Komfortzone zu tun. Das alles können Sie auch mitten im roten Kreis sitzend bekommen.
2. Die Komfortzone zu verlassen zählt nur, wenn Sie es bewusst tun.
Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Wenn Sie gefeuert werden und mit dem restlichen Geld in die weite Welt ziehen, ist es das nicht. Wenn Ihre Freundin Sie zum Power Yoga anmeldet, nach dem Sie dann herrlich zusammen Salat essen gehen, auch nicht.
Es ist ein brutaler Unterschied, ob Sie bewusst aus Ihrer Komfortzone heraustreten oder ob Sie hinausgespült, hinausgeschubst, hinausbefördert werden. Auch deshalb ist es zum Beispiel keine gute Idee, Coaching zu verschenken, nicht wahr :).
Entwickeln werden Sie sich erst dann, wenn Sie herausfinden, wo Ihre Komfortzone liegt, und willentlich aus ihr heraustreten. Denn Ihre liegt nicht da, wo meine liegt. Oder die Ihrer Frau. Oder die Ihres Freundes.
3. Einmal raus reicht nicht, Sie müssen lernen, immer wieder hinauszugehen. Jeden einzelnen Tag.
Ganz im Sinne der beiden Punkte oben reißen Sie sich zusammen und gehen zum ersten Mal laufen. Mit Vorsatz, bewusst, allein: Sie haben Ihre Komfortzone verlassen, und es hat sich sogar gut angefühlt. Am nächsten Tag regnet es, Sie gehen nirgendwohin. Am dritten Tag haben Sie Bauchweh, Sie gehen nirgendwohin. Am vierten Tag hat das Kind Bauchweh, Sie gehen nirgendwohin. Kommt Ihnen bekannt vor? Genau deshalb ist es keinen Pfifferling wert, wenn Sie ein einziges Mal aus Ihrer Komfortzone heraustreten. Es wird in Ihrem Leben genau so viel ausmachen, wie ein einziger Lauf für Ihre Gesundheit bringt. Nichts. Rein gar nichts.
Man muss den Ausgang suchen und die Tür öffnen. Hinausgehen, zurückkommen. Wieder hinausgehen. Jeden Tag, in jeder Situation. Suchen, wo ich es bequem habe, wo ich einsinke, wo ich den leichteren Weg suche, wo ich in meine rote Zone zurückrenne, so schnell mich meine Beine tragen. Durchatmen, die Tür wieder öffnen und zurückgehen, hinaus ins Grüne.
Nicht, weil Sie sich dort sofort entwickeln. Tun Sie nicht. Außerhalb der Komfortzone passiert gar nichts. Aber während Sie rein- und rausgehen, merken Sie sich, wo die Tür ist. Wie sie aufgeht. Von Tag zu Tag leichter. Bis Sie es schaffen, dass sie offen bleiben kann. Und Sie so rein- und rausgehen, dass es gar nicht mehr wehtut. Dass es draußen auch schön ist.
Dann und dort entwickeln Sie sich.
Und was passiert durch die Entwicklung? Ihre Komfortzone wächst, der rote Kreis wird größer. Draußen ist es ja inzwischen auch schön. Dann müssen Sie eine neue Grafik zeichnen, mit einem größeren roten Kreis und einer größeren grünen Fläche. Und können sich auf die Suche machen, wo der Rand des neuen roten Kreises liegt.
Wo der neue Ausgang ist, wo die neue Tür.
