Erinnern Sie sich, als alle über Quiet Quitting geredet haben? Tja, vergessen wir das. Wir sind bei etwas viel Schlimmerem gelandet, nur hat es noch niemand gemerkt. Einen Namen hat es auch noch nicht, aber das hat uns noch nie gestört, dann taufen wir es eben selbst.
Willkommen im Zeitalter des Back-Sitting
Ihre Leute kommen ins Büro. Dorthin, wo Sie es wollten. So viele Tage, wie Sie es wollten. Sie sitzen am Schreibtisch. Sie wählen sich in die Zoom-Calls ein. Aber da ist niemand. Nicht wirklich.
Sie betreiben Back-Sitting.
Back-Sitting bedeutet: Menschen bleiben in ihrem Job, nicht weil sie wollen, nicht weil sie engagiert sind, sondern weil sie Angst haben. Sie sitzen mit dem Rücken zur Zukunft, schauen nicht nach vorn, steuern nicht. Sie sitzen nur. Warten. Klammern sich fest.
Und bevor Sie jetzt die Augen verdrehen, weil das schon wieder so ein erfundenes HR-Buzzword ist, lassen Sie mich ein paar Zahlen auf Sie niederprasseln, bei denen Ihnen ziemlich unwohl werden sollte. Vorausgesetzt, Sie sitzen nicht selbst mit dem Rücken zur Zukunft ;)
2024 haben nicht engagierte, auf Neudeutsch „disengaged“ Mitarbeitende die Weltwirtschaft 438 Milliarden Dollar gekostet. Nicht Millionen. Milliarden. Mit neun Nullen.
Und:
- Die USA haben im Juli 2025 nur 73.000 neue Stellen geschaffen
- Unternehmen haben allein im Februar 2025 172.017 Entlassungen angekündigt - so viele wie seit der Pandemie nicht mehr
- Die „Kündigungsquote“ dümpelt seit Anfang 2025 bei rund 2 %, so niedrig wie seit 2016 nicht mehr
- Die Zahl der offenen Stellen pro arbeitsloser Person hat sich seit März 2022 halbiert
Übersetzt? Ihre Leute stecken fest. Und das wissen sie auch.
Wie sind wir hier gelandet?
Vor fünf Jahren erlebten wir die Zeit der Great Resignation. Die Leute sprangen von Job zu Job, wogen Angebote gegeneinander ab, kletterten mit jedem Firmenwechsel die Karriereleiter hinauf. Sich zu bewegen hat sich gelohnt.
Jetzt nicht mehr.
Zum ersten Mal in den letzten 10 Jahren zahlt sich Bleiben genauso aus wie ein Wechsel. Wer im selben Unternehmen blieb, bekam 4,6 % mehr Gehalt, wer wechselte, verdiente nur 0,2 % mehr.
Die goldene Zeit des Job-Hoppings ist vorbei. Und dazu haben wir auch noch Angst, ja. Alle.
Was machen die Leute also? Sie bleiben. Aber sie binden sich nicht. Sie schauen nicht nach vorn. Sie betreiben Back-Sitting.
Warum das schlimmer ist als alles, was wir bisher gesehen haben
Beim Quiet Quitting waren die Leute wenigstens noch irgendwie präsent. Sie haben das Minimum gemacht, klar, aber sie haben nach vorn geschaut - auch wenn „nach vorn“ Richtung Ausgang hieß.
Back-Sitter schauen nirgendwohin. Sie:
- entwickeln keine neuen Fähigkeiten (wozu auch, unser Job verschwindet doch sowieso?)
- ergreifen keine Initiative (weil sie nicht einmal mittelfristig etwas sehen)
- arbeiten nicht effektiv zusammen (weil sie nur versuchen zu überleben und sich für rein gar nichts interessieren)
- steuern ihre Karriere nicht (und geben sich auch keine Mühe, so zu tun.)
Sie SIND einfach.*
Und jetzt kommt, was wirklich wehtut: 40 % der Beschäftigten werden bis 2030 eine umfassende Umschulung brauchen, um beschäftigungsfähig zu bleiben, während KI den Arbeitsmarkt umkrempelt.
Aber wissen Sie was? Back-Sitter schulen sich nicht um. Sie bereiten sich nicht vor. Sie schauen nicht nach vorn.
Sie sitzen da, mit dem Rücken zur Zukunft, und sehen in Echtzeit zu, wie ihre Fähigkeiten veralten, zu gelähmt vor Angst, um irgendetwas dagegen zu tun.
Was das für Organisationen bedeutet
Sie glauben, Sie haben ein Retention-Problem? Haben Sie nicht. Sie haben ein Back-Sitting-Problem.
Ihre Retention-Zahlen sehen auf dem Papier vielleicht großartig aus. Die Leute bleiben! Hurra! Sie sind nicht engagiert. Nicht produktiv. Nicht innovativ. Und auf das, was kommt, bereiten sie sich ganz sicher nicht vor.
Und was kommt - KI-Transformation, veraltende Kompetenzen, organisatorische Umstrukturierung -, braucht Menschen, die nach vorn schauen, nicht zurück.
Also, was tun?
Ehrlich? Ich habe nicht auf alles eine Antwort. Hmm, das habe ich so auch noch nie hingeschrieben. Aber ich weiß, dass es enorm schädlich ist, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, nur weil die Leute nicht kündigen.
Wir müssen zügig aufhören, hohe Retention-Quoten zu feiern, und uns unbequemere Fragen stellen.
Zum Beispiel diese: Was tun wir, wenn wir eine Back-Sitting-Epidemie haben und deren Hauptursache eindeutig (ja, also meiner Meinung nach eindeutig, aber wenn Sie das anders sehen, freuen wir uns auf Ihren Gastbeitrag unter info@y2y.hu :) ) die Angst vor dem Unbekannten ist, die einen Teil der Mitarbeitenden lähmt?
Zum Beispiel genau die, die wir nicht verpflichtend schulen, weil wir seit Ewigkeiten predigen, dass Pflichtschulungen Unsinn sind. Ist das wirklich Unsinn? Wenn Sie Ihre KI-Schulungen zum Beispiel nicht verpflichtend machen: Wie und vor allem WANN sollen sich dann diejenigen auf ihrer Trauerkurve in Bewegung setzen, die seit bald drei vollen Jahren komplett mit dem Rücken zu allem sitzen?
Und anders als Quiet Quitting, Job-Hopping oder jeder andere Arbeitswelt-Trend, den wir bisher gesehen haben, löst sich das nicht von selbst. Es wird schlimmer.
Denn je länger Menschen mit dem Rücken zur Zukunft sitzen, desto schwerer fällt es ihnen, sich umzudrehen.
*Sie sind einfach da. Wie beim Alsós, einem ungarischen Kartenspiel, aber genauso gut könnte ich schon wieder mit einer Kurzgeschichte von Mark Twain als Beispiel kommen, Alsós spielt außerhalb der Familie ja sowieso keiner. Also ja, sie sind da. Mitarbeitende sind da, Führungskräfte sind da. Sie sind halt einfach da. :)