Es ist erschreckend und zugleich beruhigend, wie ähnlich unsere Köpfe ticken: Csillas Artikel lag bei ihr schon fertig in der Schublade, als ich meinen Back-Sitting-Text geschrieben habe. Zwei Perspektiven, Tausende verschiedener Klienten - aber EIN Phänomen. Hier kommt der Text unserer Gastbloggerin Csilla Csatlós.
Erstarrt
Wissen Sie, was der Unterschied zwischen Burnout und Erstarrung ist? Der Ausgebrannte ist zu viel gerannt. Der Erstarrte rennt nicht einmal dann, wenn er muss.
Ich gehöre selbst zur Generation 50 plus. Mehr als die Hälfte meiner Klientinnen und Klienten stammt aus meiner Altersgruppe. Vor ein paar Monaten habe ich einen Artikel über Quiet Quitting geschrieben, Zehntausende haben ihn gelesen. Worüber ich heute schreibe, ist ein schwereres Thema. Es geht um ein anderes Phänomen. Um die, die erstarrt sind und sich nicht von der Stelle bewegen.
Ich erinnere mich lebhaft an die letzte Krise, auch wenn sie nicht gestern war. Sie kam und hat alles plattgemacht. Tausende Unternehmen sahen wie gelähmt zu, was passierte. Dann Corona. Wir haben Dinge erlebt, die es bis dahin nur in Science-Fiction- und Horrorfilmen gab. Und jetzt? Die KI-Revolution. Viele haben sich eingeredet, wir würden uns schön langsam daran gewöhnen und sie lernen. Da haben wir uns gewaltig verschätzt. Denn sie kommt nicht schön langsam, sie hat mit beiden Füßen die Tür eingetreten. Garniert mit einer Prise Rezession.
Mit dem Ergebnis, dass ich dieses Jahr mit so vielen Entlassungen konfrontiert war wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Nicht einmal während Corona. Bei einem Dutzend meiner Kunden neue Budgetpläne für die verbleibenden zwei Monate, achtmal neu gezogene Stellenpläne, Hektik, Unsicherheit.
Ich bin mit mehr als 600 Managerinnen und Managern, die sich beruflich neu orientieren oder einen Job suchen, in der Gruppe #NotAlone in Kontakt. Alle sind völlig durch den Wind. Im Marketing gibt es laufend Entlassungen, die es dort früher nie gab, mehr als gute Fachleute sind seit vielen Monaten ohne Arbeit. Im HR-Bereich wurde zur Kostensenkung ein Haufen Seniors mit hohen Gehältern rausgekehrt, die Stellen werden mit Mid-Levels besetzt, die Juniors rücken auf, und ihre Arbeit übernimmt die KI. In der IT-Welt haben vor drei Jahren noch alle händeringend Leute gesucht, zu Gehältern, die vor 10 Jahren unvorstellbar waren.
Jetzt ist die KI da, von der viele gesagt haben, sie könne nicht alles ersetzen. Vieles kann sie nicht. Aber Gemini hat in einem Drittel der Zeit einen der härtesten Programmierwettbewerbe gewonnen… gegen Teams der besten Universitäten der Welt.
Hallo Welt. Und die Lösung ist nicht, zu jammern, dass sie uns die Arbeit wegnimmt. Sondern die Frage: Haben Sie es schon gelernt? Entwickeln Sie sich darin weiter? Gehen Sie mit?
Seit Jahren reden wir über Burnout, über Überlastung, darüber, wie Menschen unter Leistungsdruck ausbrennen. Doch in meinen Teamcoachings habe ich in den letzten Monaten etwas ganz anderes bemerkt.
Es gibt immer mehr erstarrte Menschen. Sie sind nicht ausgebrannt. Sie brennen nicht einmal.
Die Anatomie der Entscheidungsunfähigkeit
Sie drehen ihre Pflichtrunden. Aber etwas fehlt. Das, wonach ich immer suche. Kein Vibe. Kein Flow. Ihr Körper sitzt in meinen Coachings, aber eben nur der. Sie sind wie die Pflichtkür beim Tanzwettbewerb. Alle hassen sie, aber man muss sie hinter sich bringen. Also bringen sie sie hinter sich. Und zwar alles.
Sie bleiben nicht, weil es ihnen hier gut geht. Und auch nicht, weil sie an das glauben, was ihr Arbeitgeber tut. Die Unsicherheit lastet auf ihnen, und ich spüre ihre Angst. Und wenn es zum Vier-Augen-Gespräch kommt und das Eis bricht, wird die Verzweiflung greifbar…
Hinter dem Burnout steckt immer zu viel Engagement. Perfektionismus. Die „Ich mach das schon“-Haltung. Keine Grenzen, auf alles ein Ja.
Hinter der Erstarrung steckt etwas anderes.
Resignation.
Das Gefühl „Hat ja eh alles keinen Sinn“. Das völlige Fehlen eines Zukunftsbilds.
Wenn Überleben zur Strategie wird
In unsicheren Zeiten springt bei vielen Menschen einer der ältesten Überlebensmechanismen an. Die Erstarrung. Der Zustand, in dem wir nicht mehr vorausdenken, keine Lösungen entwickeln und keinen Schritt machen können. Wir stehen. Wir fliehen nicht. Wir kämpfen nicht. Wir warten erstarrt.
Verständlich?
Ja.
Es ist schwer, in ständigem Wandel zu leben, ohne die geringste Ahnung, was in fünf Jahren aus dem eigenen Beruf wird. Ob das Wissen, das man hat, noch gebraucht wird. Wenn man nicht weiß, wie ersetzbar man sein wird. Wie sehr der ständige Wandel Teil des Arbeitslebens bleibt, sodass man das Gefühl hat, keinerlei Kontrolle über das Geschehen zu haben.
Und die Antwort darauf? Abwehr. Erstarrter Körper, erstarrter Geist, fröstelnde Seele. Entwicklung null. Lernen null. Risikobereitschaft null.
Das sind die, die nicht leise kündigen, sondern in der Ecke, hinter der Säule, überleben. Und Sie freuen sich, dass die Fluktuation gestoppt ist. Tja, so war es das nicht wert.
Der unsichtbare Verlust
Ihr erstarrter Mitarbeiter macht kein Drama. Er schürt keine Konflikte. Er beschwert sich nicht einmal.
Er verliert nur still die Verbindung zu seiner Zukunft - und zwar bei Ihnen, wo Sie die Zukunft gemeinsam bauen sollten. Zusammen.
Was tut er?
Er entwickelt sich nicht weiter, weil er das Gefühl hat, diese ganzen Veränderungen seien nicht zu stemmen und er sei ihnen nicht gewachsen.
Er äußert keine Meinung - wozu, wenn sie ohnehin nichts bewirkt.
Er sucht keine Verbindung zu den Kolleginnen und Kollegen, weil seine Energie kaum zum Durchhalten reicht.
Und hier kommt die bittere Ironie: Gerade die Menschen frieren ein, die man für den Wandel am dringendsten bräuchte. Die, die lernen, sich anpassen und Neues aufbauen könnten, wenn sie wüssten, wie sie anfangen sollen. Das wird eine der größten Führungsherausforderungen des kommenden Jahres. Erkennen Sie die Zeichen? Können Sie diese Menschen als Führungskraft unterstützen?
Die Gefühle, die wir nicht benennen
Reden wir über das, was jeder fühlt, der in diesen Schuhen steckt, aber niemand ausspricht:
Scham: Bisher war er wer im Unternehmen, jetzt schafft er es nicht, auf irgendetwas rechtzeitig und wirksam zu reagieren. Scham, weil er nicht einfach von selbst lernen kann - er braucht die Richtung, das Wohin, das Warum.
Ohnmacht: Er hat keine Ahnung, was er tun soll. Aber er ist stolz, hat vielleicht sogar eine Position - wie sieht das denn aus, keine Vision, kein Plan, kein Wohin?
Vorweggenommene Trauer: Das Schlimmste von allem. Er betrachtet die Situation nicht als etwas Veränderbares, sondern wie einen vorab besiegelten Tod, dem er ohnehin nicht entkommen kann.
Wenn Sie gut führen, kann und muss man diese Gefühle aussprechen. Denn solange sie keinen Namen haben, gibt es keine Chance zu helfen, und er bleibt allein und kämpft allein mit der erstarrten Ohnmacht.
Die Blindheit der Führungskräfte
Am schlimmsten ist es, wenn Führungskräfte sich freuen: Die Leute gehen nicht, die Fluktuation ist gestoppt.
Doch wenn wir genauer hinschauen, sehen wir: Körperlich sind sie da, nur eben nicht involviert. Sie bringen nichts Neues. Sie denken nicht mit Ihnen mit. Sie tun, was sie aus Pflichtroutine können, aber kein Gramm mehr.
Sie wollen nicht, sie überleben nur.
Was könnten wir anders machen?
Erstens: Erkennen wir an, dass das keine individuelle Schwäche ist. Es ist eine normale menschliche Reaktion auf abnormale Unsicherheit, gepaart mit ständigem Wandel. Wir waren an Komfort, Berechenbarkeit und Planbarkeit gewöhnt.
Diese Zeit ist vorbei. Aber wir können ehrlich sein. Wir können unseren Kolleginnen und Kollegen sagen: Weißt du, ich sehe auch nicht, was kommt. Ich sehe es auch nicht genau. Aber du bist nicht allein. Wir lernen, entwickeln uns weiter und versuchen herauszufinden, wer wir in dieser neuen Welt sein werden. Denn jeder wird seinen Platz haben. Anders, woanders, aber es wird ihn geben.
Der erstarrte Mensch braucht keine Motivationsrede. Sondern jemanden, der nah genug herankommt und hilft, seine Angst aufzutauen.
Die Frage, die wir stellen sollten
Es geht längst nicht mehr darum, wie Sie ihre Leistung steigern.
Sondern darum, wie wir die Sicherheit schaffen, dass sie wieder etwas wagen und wollen.
Denn auch der erstarrte Mensch will nicht erstarrt bleiben. Aber allein taut er nicht auf. Er bleibt in der Ecke, hinter der Säule.
Vielleicht ist das jetzt sehr ernst geworden. So war es gemeint. Erstarrung ist kein HR- Problem. Auch keine Leistungsfrage. Es geht darum, dass Menschen die Verbindung zu ihrer eigenen Zukunft verlieren. Wer kein eigenes Zukunftsbild hat, wird sich das Unternehmen, für das er arbeitet, nicht zu eigen machen können. Und wenn Sie da nicht gemeinsam Energie hineinstecken, scheitert nicht nur der Einzelne. Sondern auch Sie, die Führungskraft. Und das Unternehmen.
Es hat etwas Surreales: Als ich die letzte Taste gedrückt hatte, lief in meinem Musikplayer ABBA, „The Winner Takes It All“….