Zumindest nicht öffentlich.
Wenn es Ihnen 2019 schlecht ging, haben Sie über Ihren Chef geschimpft. Wenn es Ihrem Chef auch schlecht ging, haben Sie sich gegenseitig an der Schulter ausgeweint und über seinen Chef geschimpft. Wenn über Ihnen niemand mehr war, haben Sie über die Zentrale geschimpft. Und als Sie an der kein gutes Haar mehr gelassen hatten, über HR. Dann haben Sie sich langsam angeschaut, was Sie selbst ändern könnten, als es wirklich nicht mehr anders ging, haben den anderen auch Rückmeldung gegeben und angefangen, an Ihrer eigenen Arbeitsweise zu schrauben. Und es wurde besser.
Dadurch aber, dass inzwischen selbst die wirklich Unflexiblen 1-2 Tage pro Woche „in Ruhe“ zu Hause bleiben, ist Ihre Kontaktfläche geschrumpft. Und wenn Sie komplett zu Hause arbeiten, ist sie praktisch auf null gesunken. Worüber Sie sich einerseits freuen, weil es verdammt bequem ist.
Andererseits werden Sie aber immer abgestumpfter, und es scheint, als gäbe es niemanden mehr, über den man schimpfen könnte. Die Beziehungen sind auf Abstand gerückt, die Gesichter verschwimmen, die „anderen“ sind homogener geworden, die Arbeit grauer.
Nicht die Arbeit ist grauer geworden.
Sie sehen sie grauer. Wie die klugen Köpfe sagen, und wie recht sie haben: everything we see, we made up.
Aus Ihrem Leben ist eine Menge verschwunden, von der Sie gar nicht wussten, dass sie Ihnen fehlt.
Aus Ihrem Arbeitsleben sind die Erlebnisse verschwunden.
Über erlebnisbasierte Führung haben wir viel geschrieben. Falls Sie so leichtsinnig waren, nicht alle unsere knapp 400 Artikel einzeln durchzulesen, lassen Sie mich helfen (nicht, dass Sie es verdient hätten, sehen Sie!! :) ): Unser Gedächtnis funktioniert so, dass wir uns an die Anfangsepisoden und an die Höhepunkte nachhaltiger erinnern. Wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken, haben Sie auch da einen Haufen erste Schultage im September im Kopf, na und ein paar Zigaretten, bei denen Sie erwischt wurden, Küsse oder einen Abiball. Denn es ist egal, ob dieses Erlebnis positiv ist, so wie wir das Wort „élmény“ im Ungarischen verwenden, oder wertneutral wie das englische „experience“.
Erlebnis ist Erlebnis.
Als um 2016 herum die ersten Mood Manager auf dem Markt auftauchten, kamen wir vor Lachen mit dem Tränenwegwischen gar nicht hinterher. Jetzt, wo sie aus unserem Leben verschwunden sind, kommen wir mit dem Tränenwegwischen wieder nicht hinterher. Nur nicht vor Lachen.
Denn es gibt niemanden mehr, der für unsere Erlebnisse zuständig ist.
Beziehungsweise - es liegt mir fern, persönlich zu werden, aber doch, den gibt es. Das sind Sie.
So gern viele es nachgewiesen hätten: Man kann nicht belastbar zeigen, was die Tatsache, dass sich Mitarbeitende wohlfühlen, zu ihrer Bindung an das Unternehmen beiträgt. Noch weniger lässt sich zeigen, wodurch sie sich wohlfühlen. Wenn Sie aber einzeln nachfragen, finden Sie überall dasselbe.
Die Tage verschwimmen ineinander.
Wenn ich zu Hause bin, läuft die Arbeit von morgens bis abends.
Auch am Samstagabend kommen noch Mails.
Zwischen den Meetings gibt es nicht mal mehr Pausen.
Ich könnte noch ewig so weitermachen. Wissen Sie, was diese Sätze gemeinsam haben?
Die passive Satzkonstruktion.
Dabei ist das Ihre Arbeit, Ihr Tag, Ihre Zeiteinteilung - Sie sagen Ja zum Meeting. Auch zu diesem. Und jetzt dürfen Sie sich gern empören, ach was, mein Chef zwingt mich doch dazu und so weiter. Aber vielleicht fühlen Sie sich ein bisschen besser, wenn Sie hören: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied, egal mit welcher Führungskraft Sie sprechen. Der Kalender der obersten Führungskraft „wird“ genauso im Passiv „voll“, auch ihr passieren die Dinge einfach. Dabei hat sie vielleicht nicht einmal einen Chef, der sie zwingen könnte. Selbst ist der Mann, wie man so schön sagt. Höchstens fühlt sie sich einen Tick schneller schlecht, wenn man sie darauf hinweist. Und ändert vielleicht auch leichter etwas. Aber der Ausgangspunkt im Passiv ist genau derselbe. Kein Unterschied.
Alles, was wir im Zusammenhang mit den Cheetos und dem Silbertablett geschrieben haben, gilt auch heute noch. Aber es ist jetzt Ihre Sache, Selbstführung zu lernen und sich selbst Erlebnisse zu verschaffen, mit denen Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz wohler fühlen. Auch dann, wenn Ihr Arbeitsplatz der Küchentisch ist. Und wenn Sie noch ein bisschen netter sind als unbedingt nötig, können Sie dasselbe auch für Ihre Peers, Ihre Führungskraft, Ihr Team tun.
Aber wenn Sie erst einmal sich selbst helfen, sind Sie schon einen Schritt weiter - und die Person, an deren Schulter Sie sich gerade im Teams-Chat ausweinen, ebenfalls. Was für ein spannender Bildbruch. Aber ich glaube, Sie verstehen, was ich meine.
Also, was sind diese Woche Ihre Cheetos, woran werden Sie sich 2034 erinnern?