Der Bystander-Effekt: Wenn in entscheidenden Momenten niemand handelt
Stellen Sie sich vor: Ein Mann bricht auf einer belebten Straße in der Innenstadt zusammen. Die Leute gehen vorbei, werfen einen Blick auf ihn, gehen aber weiter, weil sie davon ausgehen, dass schon jemand anderes hilft.
Diese Situation ist ein klassisches Beispiel für den Bystander-Effekt: Die Anwesenheit anderer verringert die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Person eingreift und hilft.
Und ja, wenn Sie jetzt schon nicken, dann erinnern Sie sich genau daran, wann Sie selbst diese einzelne Person waren.
Der Bystander-Effekt tritt auf, wenn wir in einem Notfall wegen der Anwesenheit anderer seltener eingreifen. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Verantwortungsdiffusion und sozialen Einfluss. Wenn viele Menschen anwesend sind, fühlt sich jede einzelne Person weniger verantwortlich und denkt, dass schon jemand anderes handeln wird. Außerdem orientieren wir uns oft am Verhalten der anderen, und wenn sich niemand bewegt, führt das zu kollektiver Untätigkeit.
Studien zeigen immer wieder: Je mehr Zuschauende es gibt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Person hilft. Die Verantwortung verteilt sich, alle denken, jemand anderes wird schon eingreifen, und am Ende hilft niemand (Fischer et al., 2011).
Interessanterweise ist der Bystander-Effekt in gefährlichen Situationen schwächer ausgeprägt. Hier helfen Menschen eher, weil der Ernst der Lage eine stärkere emotionale Reaktion auslöst und die Notwendigkeit zu handeln offensichtlicher wird
Wenn Zuschauende erwarten, einander in Zukunft wieder zu begegnen, helfen sie eher. Die Aussicht auf künftige soziale Kontakte verringert den Bystander-Effekt, denn niemand möchte später auf Missbilligung stoßen (Gottlieb & Carver, 1980).
Wenn Menschen sich bewusster sind, dass sie beobachtet werden, kann sich der Bystander-Effekt sogar umkehren. So erhöhen zum Beispiel Webcams oder sichtbare Benutzernamen in Onlineforen die Hilfsbereitschaft, weil sich die Menschen stärker in der Verantwortung fühlen (Van Bommel et al., 2012).
Ein klassisches Experiment veranschaulicht diesen Effekt gut: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum, der sich mit Rauch füllt. Allein würden Sie wahrscheinlich schnell handeln. Sind aber andere da, die nichts tun, zögern Sie vielleicht, weil Sie annehmen, dass es kein Notfall ist.
Ja, das ist ein nachgewiesener Effekt, mit dem wir uns als Führungskraft auseinandersetzen müssen.
ABER das heißt nicht, dass Sie ihn nicht lösen müssen.
Wie also lässt sich diesem Phänomen begegnen? Hier ein paar Fragen zum Nachdenken:
1. Wie können Sie in Ihrer Organisation oder Ihrem Umfeld das Bewusstsein für den Bystander-Effekt schärfen?
2. Mit welchen Strategien können Sie ein Gefühl persönlicher Verantwortung bei den Teammitgliedern fördern?
3. Wie können Sie direkte Beteiligung fördern und dafür sorgen, dass sich die Menschen stärker verantwortlich fühlen?
4. Wenn Sie sehen, dass jemand Hilfe braucht: Wie können Sie eine bestimmte Person um Hilfe bitten, statt einen allgemeinen Appell in die Runde zu richten?
Der Bystander-Effekt zeigt, wie komplex menschliches Verhalten in Gruppen ist. Wenn wir die zugrunde liegenden Faktoren verstehen, können wir Strategien entwickeln, die Hilfsbereitschaft fördern und Untätigkeit verringern. Ob im Notfall oder im Alltag: Eine Kultur der Verantwortung und des Eingreifens zu fördern, kann einen großen Unterschied machen.
Statt also über fehlende Eigeninitiative in Ihrer Organisation zu klagen, versuchen wir doch, die Bystander-Knöpfe Ihrer Kolleginnen und Kollegen, Ihrer Vorgesetzten, Ihrer Familie und ganz sicher auch Ihre eigenen auszuschalten.
Der Bystander-Effekt in einem Absatz
Falls Sie nur wegen der Definition hier sind: Der Bystander-Effekt (auch Zuschauereffekt) ist die Tendenz, seltener zu helfen oder zu handeln, wenn andere Menschen anwesend sind. John Darley und Bibb Latané haben ihn Ende der 1960er-Jahre in einer Reihe von Experimenten nachgewiesen (darunter die oben erwähnte Studie mit dem verrauchten Raum). Auslöser ihrer Arbeit war der Mord an Kitty Genovese 1964 in New York, auch wenn spätere Recherchen zeigten, dass die berühmte Behauptung von „38 schweigenden Zeugen“ stark übertrieben war. Eine Metaanalyse von Fischer und Kollegen aus dem Jahr 2011 bestätigte, dass der Effekt real ist, aber auch, dass er in eindeutig gefährlichen Situationen schwächer wird. Neuere Forschung auf Basis von Überwachungsvideos echter Konflikte im öffentlichen Raum ergab, dass in etwa neun von zehn Fällen mindestens eine anwesende Person eingegriffen hat. Menschen helfen also durchaus. Die Frage ist, wie lange es dauert und wer den ersten Schritt macht.
So sieht er am Arbeitsplatz aus
- Die Aufgabe aus dem Meeting, auf die „wir“ uns geeinigt haben und für die sich niemand zuständig fühlt.
- Die Frage im Teamkanal, die 40 Leute gesehen haben und die niemand beantwortet.
- Das Risiko, der Bug oder das Sicherheitsproblem, das alle bemerkt und niemand gemeldet hat.
- Die Kollegin, der im Meeting ständig ins Wort gefallen wird, während alle auf ihren Laptop starren.
Fünf Dinge, die Sie als Führungskraft schon morgen tun können
- Benennen Sie eine verantwortliche Person. Jede Aufgabe bekommt einen Namen und ein Datum. „Das Team“ ist kein Name.
- Sprechen Sie eine Person an, nicht den ganzen Raum. „Anna, kannst du dir das bis Donnerstag anschauen?“ funktioniert. „Könnte sich das mal jemand ansehen?“ funktioniert nicht.
- Machen Sie das Ansprechen von Problemen leicht. Wenn die letzte Person, die ein Problem angesprochen hat, dafür den Kopf hinhalten musste, wird niemand das nächste ansprechen.
- Danken Sie öffentlich der Person, die als Erste handelt. Was anerkannt wird, wird wiederholt.
- Halten Sie Gruppen klein. Die Verantwortungsdiffusion wächst mit der Gruppengröße. Kleinere Arbeitsgruppen und klare Rollen helfen.
Wenn Ihnen das aus Ihrem Team bekannt vorkommt: Teamcoaching ist einer der Wege, wie wir genau an solchen Mustern arbeiten.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Bystander-Effekt?
Der Bystander-Effekt (auch Zuschauereffekt) beschreibt die Tendenz, seltener zu helfen oder zu handeln, wenn andere Menschen anwesend sind. Je mehr Zuschauende es gibt, desto mehr geht jede einzelne Person davon aus, dass schon jemand anderes eingreifen wird. Experimentell nachgewiesen wurde er erstmals von John Darley und Bibb Latané Ende der 1960er-Jahre.
Was verursacht den Bystander-Effekt?
Vor allem die Verantwortungsdiffusion (je mehr Menschen anwesend sind, desto weniger fühlt sich jede einzelne Person verantwortlich) und sozialer Einfluss (wir schauen auf andere, um einzuschätzen, ob eine Situation ernst ist, und wenn niemand reagiert, schließen wir daraus, dass nichts zu tun ist). Die Angst, sich zu blamieren, verstärkt beides.
Welche Beispiele für den Bystander-Effekt gibt es am Arbeitsplatz?
Eine im Meeting vereinbarte Aufgabe, für die sich niemand zuständig fühlt, eine Frage im Gruppenchat, die niemand beantwortet, ein Sicherheitsproblem, das alle bemerkt haben, aber niemand meldet, oder eine Kollegin, die im Meeting schlecht behandelt wird, während alle schweigen.
Wie können Führungskräfte den Bystander-Effekt im Team verringern?
Jede Aufgabe einer namentlich benannten Person mit Deadline zuweisen, eine konkrete Person ansprechen statt „irgendwen“, ein Umfeld schaffen, in dem man Probleme gefahrlos ansprechen kann, und diejenigen anerkennen, die tatsächlich eingreifen. Auch kleinere Gruppen und klare Rollen verringern die Verantwortungsdiffusion.