- Dorka, mein Chef ist ein klassischer Narzisst.
- Woher weißt du das?
- Na ja … er will in Meetings immer selbst reden. Er lobt mich nie. Und letzte Woche hat er in der Führungsrunde meine Idee geklaut.
- Verstehe. Wurde er diagnostiziert?
- Nein, aber ich habe ein Video gesehen, und alle sieben Anzeichen passen.
Sieben Anzeichen. Ein Video. Ein Leben. Fertig ist die Diagnose. (Die Personen in diesem Gespräch sind natürlich frei erfunden. Das Gespräch leider nicht.)
Ich arbeite seit zehn Jahren mit Führungskräften und Teams, und ganz ehrlich: In den letzten Jahren ist „Narzisst“ zum universellen Schimpfwort des Organisationslebens geworden. Der Chef ist ein Narzisst. Der Ex ist ein Narzisst. Die Schwiegermutter ist eine Narzisstin. Der Kollege, der auf Teams nicht antwortet, der natürlich auch. Aber Leute, jetzt mal ehrlich. So viele Narzissten gibt es auf der ganzen Welt nicht. Wie viele gibt es denn dann?

Wie groß ist die Chance, dass Sie wirklich an einen geraten?
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS, englisch NPD) ist eine klinische Diagnose. Keine Laune, kein schlechter Tag, keine rüpelhafte Aktion im Montagsmeeting. Sie wird von Fachleuten gestellt, mit einem strukturierten Interview, und dabei wird nach einem dauerhaften, tiefgreifenden Muster gesucht.
Und jetzt kommt das Entscheidende. Eine systematische Übersichtsarbeit hat sieben Bevölkerungsstudien zusammengetragen, die mit ordentlichen diagnostischen Interviews gearbeitet haben. Die durchschnittliche Prävalenz lag bei 1,06 %, und die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die NPS in der erwachsenen Bevölkerung selten ist. Auch das diagnostische Handbuch der Psychiatrie geht davon aus, dass sie sich bei höchstens 1 % der Bevölkerung im Laufe des Lebens entwickelt (DSM-5, American Psychiatric Association, 2013).
Es gibt eine große amerikanische Erhebung, die einen höheren Wert gemessen hat: Dort kamen 6,2 % heraus, bei Männern 7,7 %, bei Frauen 4,8 % (Stinson et al., 2008, NESARC-Studie). Das ist der obere Rand der Skala - die meisten Studien fanden deutlich weniger.
Dann rechnen wir mal. Wenn wir mit 1 % rechnen, ist in einem Unternehmen mit 100 Leuten statistisch ungefähr eine Person betroffen. Wenn Sie im Laufe Ihrer Karriere zehn Vorgesetzte haben, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer davon tatsächlich eine NPS hat, bei etwa 10 %. Zehn Prozent. Nicht hundert.
Und trotzdem beginnt halb LinkedIn mit „Ich hatte mal eine narzisstische Führungskraft“, als gehöre das zur Grundausstattung des Arbeitsmarkts. Wie der Firmenlaptop. Tut es aber nicht.
Gut, aber unter Führungskräften gibt es doch mehr davon?
Doch, vermutlich etwas mehr. Und hier wollen wir fair sein, denn in diesem Artikel geht es nicht darum, Narzissmus freizusprechen.
Laut der Metaanalyse von Emily Grijalva und Kollegen hängt Narzissmus damit zusammen, ob jemand Führungskraft wird, nicht aber mit der Führungseffektivität. Und den Vorsprung beim Aufstieg in die Führungsrolle erklärt vor allem die Extraversion. Mein Lieblingsbefund aus der Studie: Wenn Führungskräfte sich selbst bewerteten, ging Narzissmus mit einer besseren Selbsteinschätzung einher - wenn dagegen Mitarbeitende, Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen bewerteten, gab es keinerlei Zusammenhang. Er hält sich für den Größten. Sie nicht. Um das zu verstehen, braucht es meiner Meinung nach keine Studie..
Dieselbe Studie fand heraus, dass moderater Narzissmus sogar helfen kann, ab einem gewissen Punkt aber die Effektivität der Führungskraft verschlechtert. Bei denen, die ganz unten auf der Skala liegen, fehlt oft das Selbstbewusstsein, das man zum Führen braucht.
Übersetzen wir das: Dass Ihr Chef selbstbewusst ist, gern im Mittelpunkt steht und ein gesundes Ego hat, ist keine Krankheit. Das steht in der Stellenbeschreibung. Narzisstische Züge haben wir alle, besonders diejenigen, die sich freiwillig melden, um vor einem Team zu stehen. Eine Persönlichkeitsstörung ist selten.
Woher kommt dann diese Epidemie?
Tja, nicht aus den Arztpraxen. Aus unseren Handys.
Der Hashtag #NarcTok hat 1,9 Milliarden, #narcissism 1,6 Milliarden Aufrufe gesammelt und liegt damit kaum hinter den Inhalten zu bipolarer Störung und PTBS - obwohl diese deutlich häufiger vorkommen (MindSite News, 2022).
Und wie zutreffend ist, was wir dort lernen? Eine deutsche Studie hat kürzlich 177 TikTok-Videos über psychische Gesundheit analysiert, mit insgesamt mehr als 94 Millionen Aufrufen. Am schlechtesten schnitten die Videos über Narzissmus ab: Kein einziges wurde als fachlich korrekt bewertet.
Null. Kein einziges. Und wir diagnostizieren damit Führungskräfte.
Dazu kommt, dass wir laut Fachleuten darin gar nicht gut sind. Narzisstisch handeln und narzisstisch sein sind zwei verschiedene Dinge - und als Laien erkennen wir krankhaften Narzissmus ziemlich schlecht (Interview zur klinischen Psychologie, Salon, 2023).
Was zum Teufel ist dann los mit meinem Chef?
Vielleicht nichts. Vielleicht eine ganze Menge. Aber statt „narzisstisch“ geht es mit größerer Wahrscheinlichkeit um eines davon:
- Er ist überlastet. Gestresste Menschen sind selbstbezogen. Verständlich, er geht gerade unter.
- Er kann kein Feedback geben. Er lobt Sie nie? Willkommen in Ungarn. (Bei Ihnen heißt das vermutlich „Nicht geschimpft ist genug gelobt“.) Das ist keine Persönlichkeitsstörung, das ist eine Lücke in der Führungskompetenz.
- Er vermeidet Konflikte. Was von außen wie Kälte aussieht, ist von innen oft Panik.
- Er hat andere Werte. Er schaut auf die Zahlen, Sie auf die Beziehung. Deshalb ist noch keiner von Ihnen beiden krank.
- Er ist einfach eine schlechte Führungskraft. Ja, das gibt es auch. Häufig. Dafür braucht es keine Diagnose, da reichen eine schlechte Auswahl und null Vorbereitung.
- Er war ein Idiot. Einmal. Oder mehrmals. Deshalb ist er noch kein klinischer Fall, er hatte einfach einen schlechten Tag. Den haben Sie auch manchmal.
Laut einer US-amerikanischen Psychologin ist das Etikett oft eine Ausrede dafür, dass wir selbst nicht an einer schwierigen Beziehung arbeiten müssen - oder eine Erklärung, die unser eigenes, durchaus veränderbares Verhalten entschuldigt (Dr. Isabelle Morley, Scripps News). Hüstel.
Denn seien wir ehrlich: Wenn Ihr Chef ein Narzisst ist, dann ist die Sache erledigt. Da kann man nichts machen. Sie müssen nicht mit ihm reden. Sie müssen ihm kein Feedback geben. Sie müssen sich nicht anschauen, was Sie selbst zu der Situation beigetragen haben. Das Etikett ist bequem. Es schließt ab. Und genau deshalb ist es gefährlich.
Was Sie stattdessen tun können
- Benennen Sie Verhalten, nicht den Menschen. „Letzte Woche ist meine Idee unter Ihrem Namen rausgegangen“ - damit lässt sich arbeiten. Mit dem Satz „Sie sind ein Narzisst“ nicht.
- Sagen Sie es ihm. Beängstigend, ja. Aber die meisten Führungskräfte, mit denen ich arbeite, wissen gar nicht, wie sie auf andere wirken. Es hat ihnen buchstäblich noch nie jemand gesagt.
- Schauen Sie auch in den Spiegel. Was tragen Sie selbst dazu bei? Ich frage das nicht, um Ihnen die Schuld zu geben, sondern weil das der einzige Teil ist, auf den Sie wirklich Einfluss haben.
- Wenn die Situation tatsächlich missbräuchlich ist, nehmen Sie das ernst. Demütigung, Drohungen, systematische Manipulation - das gehört nicht in die Kategorie „Er hatte einen schlechten Tag“. Dann heißt es: HR, dokumentieren, fachliche Hilfe und, wenn nötig, kündigen. Echter Missbrauch wird nicht kleiner, nur weil gerade alle alle anderen Narzissten nennen. Im Gegenteil - genau die Geschichten der Betroffenen verwässern wir mit jedem vorschnellen Etikett.
- Überlassen Sie die Diagnose den Fachleuten. Sie sind HR-Profi, Ingenieurin, Vertriebler, Teammitglied. Kein Psychiater. Und TikTok ist es auch nicht.
Das Wichtigste
Ihr Chef kann nervig sein, egoistisch, ein schlechter Kommunikator, überlastet oder einfach ein unangenehmer Zeitgenosse. Das alles sind echte Probleme, und mit jedem davon kann man etwas anfangen.
Aber statistisch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, viel kleiner als die, dass ihm einfach nie jemand das Führen beigebracht hat.
Das Erste können Sie nicht ändern. Das Zweite schon.
Nomina sunt odiosa. Namen sind verhasst. Etiketten erst recht. :)
INFO@Y2Y.HU - übrigens auch für Organisations-, Führungskräfte- und Prozessentwicklung. Ohne Diagnose.