1882 planten die Menschen in Barcelona noch damit, dass die Sagrada Família eines Tages fertig sein würde. Endgültige Fertigstellungstermine gab es seitdem 74. Auch jetzt gibt es einen.
Gebaut wird an der Kirche bis heute.
WLAN hat sie schon, aber ganz fertig ist sie immer noch nicht.
Seitdem haben Millionen Menschen die Lektion gelernt.
Und am nächsten Tag die Jahresstrategie in einer Excel-Tabelle neu geplant und wieder hineingeschrieben: „fertig bis Ende Juli“.
Das ist die Planning Fallacy. Der Planungsfehlschluss. Die bizarre Neigung des Gehirns, sich die Zukunft immer steril, freundlich und ungewöhnlich kooperativ vorzustellen - ganz im Gegensatz zur aktuellen Realität, die gerade am Flughafen ihren Anschlussflug verpasst.
Der Planungsfehlschluss ist, wenn wir
- die Präsentation in 30 Minuten fertig haben wollen,
- die Einführung auf drei Wochen schätzen,
- das Firmensystem „vor Weihnachten“ umstellen wollen,
- uns die Hausrenovierung nach dem Motto „ist bis Ende Frühling fertig“ vorstellen, während der Nachbar schon das fünfte Weihnachten mit seinen Bauschuttsäcken feiert.
Was passiert in solchen Fällen?
Nichts Außergewöhnliches.
Wir kalkulieren das Chaos einfach falsch ein.
Unser Gehirn - übrigens in bester Absicht - vergisst, das Unvermeidliche einzukalkulieren:
-
dass mitten in jedem Projekt der Moment kommt, in dem niemand Zeit hat,
-
dass jemand das Briefing umschreibt,
-
dass die „kleine Änderung“ in Wahrheit eine komplette Neuplanung ist,
-
dass eine Sommerpause kommt, eine Grippewelle, eine Woche, in der alle gleichzeitig im Urlaub sind,
-
oder ganz einfach: dass wir keine Lust haben werden.
Denn - und das sagen wir selten dazu - der Mensch ist kein Excel-Sheet, sondern ein erschöpftes Säugetier, das versucht, den Montag zu überleben.
Und warum glauben wir trotzdem immer wieder daran?
Weil wir an die gute Version glauben wollen.
An die schnelle.
An die reibungslose.
An die „alle sind motiviert und ziehen an einem Strang“-Version.
Auch wenn wir so etwas in den letzten sechs Jahren kein einziges Mal erlebt haben.
Die Realität sieht aber so aus: Jedes Projekt ist eine Gaudí-Kathedrale. Der Glaube setzt es in Gang, der Schwung trägt es voran, dann spaziert langsam die Realität herein, zieht die Schuhe aus und bleibt ein paar Jahrzehnte.
Und niemand wollte etwas Böses.
Wir haben nur nicht bedacht, dass auch die Zukunft nicht ruhiger sein wird als die Gegenwart.
Im Gegenteil. Meistens ist sie noch chaotischer.
Und was jetzt?
Planen Sie so, als würden Sie mit echten Menschen arbeiten, nicht mit einem Google Kalender.
Mit Menschen, die müde sind, krank, zwischen zwei Projekten stecken oder gerade versuchen, sich zwischen drei verschiedenen Firmenwerten zurechtzufinden.
Planen Sie schamlos pessimistisch.
Planen Sie damit, dass es Verschiebungen, Blockaden, Verspätungen und Neustarts geben wird.
Denn die wird es geben.
Und vor allem: Demotivieren Sie weder sich noch Ihr Team, indem Sie überrascht sind, dass schon wieder das Thema auftaucht, das wir vor fünf Jahren nicht erledigt haben. Natürlich taucht es auf. Dann erledigen wir es eben im fünften Jahr, da ist überhaupt nichts dabei.
Ihre Ungeduld wiederum sollten Sie ins Positive drehen und nutzen, um sich selbst einen Schubs zu geben und etwas zu erledigen, das genauso auf Ihrer To-do-Liste liegen geblieben ist. Schließlich übernehmen auch Sie selbst sich wegen der Planning Fallacy ständig.
Gehen Sie zum Beispiel endlich zu diesen Vorsorgeuntersuchungen.
Oder lassen Sie endlich die Online-Behördenzugänge für die Kinder einrichten (in Ungarn heißt das Ügyfélkapu).
Na also.