Offenheit. Das Angebot, das ich von meinen Kundinnen und Kunden am häufigsten höre.

Ob bei einem Training, wo ich zum Aufwärmen frage, was Sie der Gruppe heute geben, oder im Coaching, wenn wir vereinbaren, wie wir heute in der Sitzung präsent sein werden. Das sagen Sie in solchen Situationen doch auch, oder? (Oder mit anderen Worten: Aufmerksamkeit, aktive Präsenz usw.)

Ich nehme Ihre Offenheit ernst, aber was bedeutet sie eigentlich? Für die einen, dass sie anderen zuhören. Für andere nur, dass sie nicht reden, solange andere reden. Und manche können tatsächlich neue, auf den ersten Blick vielleicht sogar unsympathische Gedanken aufnehmen und sie auf sich wirken lassen.

Wenn Sie das auch ernst nehmen, werden Sie Ihre Offenheit nicht einfach so versprechen. Denn in Wahrheit ist es alles andere als einfach, offen zu sein. Offenheit läuft dem Grundziel unseres Gehirns zuwider. Warum?

Weil unser Gehirn dafür gemacht ist, die Abläufe im Organismus, darunter auch seine eigenen, in Einklang zu bringen. Frieden und Ruhe sollen herrschen, wann immer es geht. Dem dienen bestimmte Sinnestäuschungen, der Blick, der etwas allzu schön oder allzu hässlich verklärt, die Wahrnehmung, die sich entlang erwarteter Muster verzerrt, und jeder Mechanismus, der Widersprüche im Bewusstsein verringert, also die Reduktion kognitiver Dissonanz (wenn Sie zum Beispiel in den Urlaub fahren und danach von Ihren Erlebnissen erzählen, sind positive Berichte viel häufiger als negative. Schließlich haben Sie das Reiseziel ausgesucht, und im Einklang mit Ihrem positiven Selbstbild mussten Sie eine gute Entscheidung treffen. Das innere Bedürfnis, die gute Entscheidung zu bestätigen, verstärkt die positiven Erlebnisse und mindert die Bedeutung der negativen). Wenn Sie sich dennoch offen und unvoreingenommen mit etwas auseinandersetzen wollen, kann dieses Etwas Ihren inneren Frieden durcheinanderbringen. Es kann ein Chaos anrichten, nach dem es nicht leicht ist, wieder Ordnung zu schaffen. Das kostet Zeit und Arbeit. Dafür können Sie aber eine Ordnung schaffen, die irgendwie besser, verlässlicher ist. Diese neue Ordnung, die wir der Offenheit verdanken, ist noch kein Lernen, zumindest nicht die Art von Lernen, die wir als Coaches anstreben - dazu gleich noch etwas mehr -, sie ist aber eine unverzichtbare Voraussetzung für das Lernen.

Wenn Sie Ihr Angebot ernst nehmen, dann seien Sie ehrlich zu sich selbst.

Wenn Sie direkt aus einem Meeting zu einer Coaching-Sitzung kommen, in dem Ihr Chef Sie auf die Palme gebracht oder gekränkt hat oder in dem Sie einfach an einem sehr kritischen Thema gearbeitet haben, dann sagen Sie nicht, dass Sie offen sind. Wenn Sie emotional aufgewühlt sind, werden Sie nicht offen sein, denn Ihr Kopf ist gerade damit beschäftigt, den bestehenden Konflikt zu beruhigen. Neues nimmt er da nur ungern auf.

Wenn Sie dem Menschen, dem Sie Offenheit versprochen haben, nicht vertrauen, werden Sie nicht offen sein. Über Vertrauen entscheiden wir sehr schnell, auch das folgt aus dem Aufbau unseres Gehirns. Der Hirnbereich, der dem Rückenmark am nächsten liegt, entscheidet als Erstes, ob wir in Gefahr sind oder nicht. Das heißt natürlich nicht, dass wir beim Anblick eines unsympathischen, unglaubwürdigen Menschen sofort davonlaufen, auf der Ebene unserer Aufmerksamkeit passiert aber genau das. Wenn uns jemand bedroht, sei es durch Aggressivität oder nur dadurch, dass wir annehmen, er wird uns hinters Licht führen, schalten sich die Fluchtfunktionen ein. Das Burgtor schließt sich. Selbst dann, wenn Sie dabei lächeln und Offenheit vortäuschen.


Wenn Sie sich Ihrer selbst zu sicher sind und Ihre Überzeugungen sehr stark, werden Sie nicht neugierig sein und damit auch nicht offen. Das ist die Herausforderung erfahrener Menschen, alter Hasen, Führungskräfte mit langer Geschichte. Schauen Sie tief in sich hinein, und Sie werden so einen Bereich finden, wenn nichts anderes, dann Ihre politische oder religiöse Überzeugung.

Und auch das Gegenteil gilt: Wenn Sie zu unsicher sind, bringt Ihre Offenheit Sie nicht weiter, denn jeder Gedanke wird von den neuen überschrieben.

Beides ist nicht schlimm, solange es Ihnen gut geht.

Wenn es Ihnen aber nicht gut geht, müssen Sie etwas verändern. Wenn Sie so wollen: lernen. Dafür brauchen Sie aber neue Dinge. Öffnen Sie sich, damit Sie aus möglichst vielen neuen Dingen auswählen können!

Wenn etwas auf den ersten Blick ganz und gar nicht annehmbar ist, lassen Sie es trotzdem herein, wenigstens in Ihren Flur. Behalten Sie es dort, bis Sie sich ein wenig daran gewöhnt haben. Dann sehen Sie es sich genau an, und erst danach schicken Sie es zur Tür hinaus, oder, wenn es Ihnen doch gefallen hat, lassen Sie es ein Zimmer weiter herein. Das ist alles.

Glauben Sie mir, auch mein Flur ist schon voll, aber für mich passt das so!

Ach ja, und das Lernen, das ich als Coach anstrebe: Zum Lernen reicht die Erkenntnis nicht, man muss auch handeln. Ein bisschen anders als bisher, dann üben und wieder offen sein.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, lassen Sie ihn ein Zimmer weiter herein. Wenn nicht, darf er gern noch ein bisschen in Ihrem Flur bleiben. :)

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