Ein etwas anderer Reisebericht - mit den Augen einer Führungskraft

Sie spielen also schon eine Weile mit dem Gedanken … Sie waren noch nie so richtig im Hochgebirge, Herausforderungen lieben Sie ja, Sie sind fit und gesund, ein bisschen Abenteuer kann nicht schaden, also buchen Sie nach langem Hin und Her im Januar die Mount-Everest-Tour im Oktober.
Grob drei Wochen, ein bisschen Kathmandu, 1-2 Puffertage, falls etwas schiefgeht, netto 12 Tage Aufstieg.
Wird schon schiefgehen.

Wie mich der Everest zu einer besseren Führungskraft gemacht hatDann kommt der Sommer, Sie schließen noch das Q2 ab, und dann ab ins Krankenhaus, Diagnose: Autoimmunerkrankung. Unangenehm. Sie geben nicht auf (was für ein Leadership-Skill, oder? :D), Sie sind ja auch Optimistin (noch einer!), und es ist nicht sicher, aber gut möglich, dass auch ein bisschen Dickköpfigkeit in Ihnen steckt (das ist nicht immer die beste Eigenschaft, ähem), und so sitzen Sie zwei Tage vor der Abreise mit den frischen Laborwerten in der zitternden Hand beim Gastroenterologen, der schließlich grünes Licht gibt und nur sagt: „Die Werte sind gut … von mir aus, fahren Sie. Aber passen Sie auf sich auf!“
Aber jetzt mal konkret: Was kann einen so ein körperlich, mental und emotional forderndes Abenteuer lehren? Ich meine, aus Sicht einer Führungskraft.

1. Echte Diversität

Sie glauben vielleicht (Selbstkritik ON: Ich habe es geglaubt …), dass wir wissen, was Vielfalt ist. Und dass am Arbeitsplatz, unseren Kolleginnen und Kollegen und überhaupt allen ein großes High Five, bedingungslose Wertschätzung und Zero Judgement zustehen. Doch wenn Sie sich drei Wochen lang auf engstem Raum wiederfinden mit einer ehemals drogenabhängigen, sich selbst suchenden, veganen Tattookünstlerin, einem Zahnarzt in der Existenzkrise, einem Bauingenieur mitten in der Scheidung, einer Anwältin, einer Zirkustänzerin, einem Friseur, einem Big-Four-Halbgott, einem echten Abenteurer und ein paar „ungarischen Milliardärsunternehmern“ sowie einer pensionierten Apothekerin, dann merken Sie plötzlich: Doch, Sie haben Vorurteile. Es ist nicht schön, dass Sie welche haben, aber Sie haben sie. Hm … zum Glück sind sie spätestens am dritten Tag verschwunden.

Sie sehen nur noch 15 Wanderer, jeden mit der eigenen Geschichte, dem eigenen Rucksack, den eigenen spirituellen und sonstigen Zielen.
Etiketten? Nirgends mehr.
Wie mich der Everest zu einer besseren Führungskraft gemacht hat

2. Jenseits der Komfortzone


In Kathmandu - einer der Städte mit der schmutzigsten Luft der Welt - trifft Sie der erste Kulturschock. Totales Indien-Feeling, Hitze, unglaubliche Menschenmassen, aber die Stadt hat ihre ganz eigene Schönheit. Sie akklimatisieren sich ein wenig, um dann den mit nichts (ich sage es noch einmal: mit nichts) vergleichbaren Nervenkitzel des berüchtigten Flughafens von Lukla zu durchleben und zu überleben und schließlich an der eigentlichen Startlinie anzukommen.

Und dann kommen 12 Tage Dauerbelastung. 30.000 bis 40.000 Schritte am Tag, die Luft wird immer dünner, über 3000 Metern zeigen sich bei einigen Mitgliedern der Gruppe die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit. Sie können noch so fit und gesund sein. Darauf sind Sie nicht vorbereitet. Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Erschöpfung, Schlafmangel, beginnende Lungenentzündung, jeder hat sein Päckchen.
Leadership-Skill: mit größtmöglicher Ausdauer weitergehen, während Sie die Zügel losgelassen haben und akzeptieren, dass Sie über eine ganze Menge Dinge schlicht keine Kontrolle haben. Aber wissen Sie, was Sie haben?

Ein beeindruckendes Ziel mit großem Z (in diesem Fall: das Basislager zu erreichen), zwei Beine, die Sie Schritt für Schritt näher heranbringen, und ein Herz, mit dem Sie unerschütterlich daran glauben.
Und dann, hoppla, eine väterliche Ohrfeige, diesmal von der Natur. :) Von derselben Natur, die Ihnen auch ihr schönstes Gesicht zeigt: Sie erblicken den Everest, sehen im Sonnenuntergang eine Lawine … und abends sprechen Sie stundenlang mit den Einheimischen über Buddhismus, Karma, das einfache Leben, glückliche Armut.
Ach ja, und natürlich kommen 12 SOLCHE Tage, an denen Sie täglich 5 Liter Wasser trinken müssen, auch wenn Sie 45 Kilo wiegen, Sie werden ständig hungrig, so viele Snickers haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gegessen, und das Wort „Komfort“ wird in Ihrem Kopf VOLLKOMMEN neu definiert.

Und ja, am 5. Tag lernen Sie, dass Kakao mit Yakmilch auch mit Laktasetablette keine gute Idee ist, ein Teammitglied wird mit dem Rettungshubschrauber abgeholt, Aspirin werfen Sie gegen die Dauerkopfschmerzen ein wie M&M's, die Gruppe wächst immer enger zusammen - und die Worte gehen zusammen mit dem Sauerstoff zur Neige.

Am 8. Tag ist auch 13 Grad kaltes Wasser zum Baden gut genug, denn … na ja, Sie haben seit 8 Tagen nicht geduscht. :) Sieh an, auch das lässt sich überleben. Schlafen können Sie nicht, weil Ihr Puls nachts bei 110 liegt, aber das ist letztlich egal, denn vor lauter Husten könnten Sie es auch dann nicht, wenn Ihnen das Herz nicht gerade aus der Brust springen wollte. Aber auch das ist kein Problem.
Sie stehen am nächsten Tag auf, packen Ihr Zeug zusammen, trinken 0,4 Liter Kaffee (ohne Yakmilch), schmieren sich zentimeterdick Babypopocreme auf die Nase und brechen um 6 Uhr morgens auf. Denn es muss weitergehen, und der Anblick und das Erlebnis treiben Ihnen jeden Tag die Tränen in die Augen. Allen.
Wie mich der Everest zu einer besseren Führungskraft gemacht hat

3. Sie stehen zu Ihrer Verletzlichkeit - und zu Ihrem Humor


Humor und ein bisschen Mut, erst recht die Kombination aus beidem … das hilft über die meisten Krisenmomente hinweg. Um Hilfe bitten zu können und sich das auch zu trauen - das ist einer der wichtigsten Werte, wenn Sie ein Team führen.
Es schweißt zusammen, macht zu Komplizen, aus Kolleginnen und Kollegen werden Kameraden. Auch wenn Sie dafür manchmal Ihre sonst so legendäre Stärke und Zähigkeit ins oberste Regal stellen müssen. Denn ja, Sie werden müde. Ja, es gibt Momente, in denen Sie jemanden bitten müssen, Ihnen einen Teil des Gewichts abzunehmen, damit Sie sich ausruhen können. Und ja, das anfängliche „Lachen aus Verzweiflung“ kann einem ausgelassenen Lachen weichen, wenn Sie auf 5300 Metern wegen der 5 Liter Wasser auf die Toilette müssten. Denn … dort gibt es weder Toilette noch Busch. So wie es auch keine Vorurteile, keine Arroganz, keine Mauern und keine Spielchen mehr gibt.
Was es dagegen gibt, und zwar reichlich, ist etwas viel Wertvolleres: Ausdauer, Leistung, Humor, Demut und Teamgeist.
Und es kommt ein etwas anderer Mensch, eine etwas andere Führungskraft nach Hause.
Eine bessere.

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Führung ist keine Rolle, sondern Verhalten. Programme von der ersten Führungsrolle bis zur Geschäftsleitung.

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